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KOMMENTAR

Untragbar

Von Markus Bleistein

Dies ist die Stunde der Heuchler und Pharisäer: Denn was gibt es Schöneres als die Schadenfreude über eine volltrunken fahrende evangelische Landesbischöfin, die zudem noch EKD-Ratsvorsitzende ist und mit teilweise harschen moralischen Forderungen die Menschen in diesem Lande traktierte. Doch wie sagte Jesus: Wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Wie wahr: Wer ehrlich zu sich selbst ist, wird in den meisten Fällen eingestehen müssen, dass auch er einmal mit zweifelhaftem Alkoholgehalt im Blut einen Wagen gesteuert hat. Doch so sehr Margot Käßmann - wie übrigens jeder andere auch -nach einer angemessenen Strafe einen Neuanfang verdient hat, so sehr ist die streitbare Bischöfin als Vorsitzende der EKD erledigt. Unvorstellbar, dass sie noch einmal glaubwürdig die Fastenaktion der evangelischen Kirchen „Sieben Wochen ohne“ vertreten kann. Ein Hohngelächter ohne Ende würde in der Republik erschallen. Aber auch alle anderen wohlfeilen moralischen Ratschläge - und dazu ist dieses Amt unter anderem da - würden von ihren Gegnern im Handumdrehen unter Hinweis auf ihre Glaubwürdigkeit ausgehebelt: Die soll doch vor ihrer eigenen Tür kehren. So sehr Margot Käßmann als Bürgerin dieses Landes, als Christin und sogar noch als Pfarrerin das Recht auf Umkehr und Neuanfang für sich in Anspruch nehmen kann, als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirchen in Deutschland ist sie untragbar geworden. Ihr Rücktritt ist unvermeidbar und sollte schnell erfolgen, damit Schaden von der Evangelischen Kirche abgewendet wird.

 

Artikel vom 24.02.2010 © Eßlinger Zeitung

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Leser-Kommentare (2)

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24.02.2010 15:49 von Gerdi Mietusch

Warum soll ausgerechnet Margot Käßmann als Ratsvorsitzende der EKD kein Neuanfang vergönnt sein? Was sie bisher an guter Arbeit in ihrem Amt getan hat und noch tun wird, ist für unsere evangelische Kirche mehr wert als alles andere. Sie vertritt unsere Kirche nach außen in unserer heutigen Zeit optimal. Vor allem geht sie sehr ehrlich mit ihren Mitmenschen um, gibt über sich selber preis, was wichtig und nötig ist. Sie ist auf keinen Fall scheinheilig, sondern so, wie ich mir eine "echte", eine menschliche und auch eine vergebende (weil das das Christsein ausmacht) EKD-Vorsitzende vorstelle. D. h. auch ihr steht bei diesem Fehler, den sie auch sofort eingesehen hat, von ihren Mitchristen Vergebung zu.

24.02.2010 13:36 von Jungk, Ulrich

"Auf auf zum fröhlichen Jagen!" Ich bin kein felißiger Kirchgänger, aber im evangelischen Gesangbuch kommt dieses Lied meines Wissens nicht vor. Warum Frau Käßmann als EKD-Ratsvorsitzende nicht mehr tragbar sein soll, das will sich mir nicht erschließen. Übrigens scheint das auch der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland so zu sehen: die Telefonaktion in der Causa Käßmann hat mich doch sehr beeindruckt. Wenn selbst aus dem pietistischen Lager versöhnliche Töne angeschlagen werden, dann keimt bei mir noch Hoffnung.


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