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Mit „Hitze-Ticket“ und „Kolibricard“ auf Kundenfang

Verkehrsverbünde wollen Fahrgäste anlocken - Mancherorts müssen sich die Kunden auf Preiserhöhungen einstellen

Stuttgart (lsw) - Vom „Hitzeticket“ über die „Kolibricard“ bis zur „Neubürgerkarte“ - Mit vielfältigen Initiativen versucht der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) im Land, neue Kunden anzulocken. Dabei scheinen der Fantasie keine Grenzen gesetzt, wie eine Umfrage ergab.

Gratistouren gibt es zur Fastnacht, bei Stadtfesten, zum Einkaufen in der Adventszeit oder für Zugezogene. Gemeinsames Ziel aller Aktionen mit Nulltarif oder Ermäßigungen ist es, mehr Menschen zum Umsteigen vom Auto auf umweltfreundliche Verkehrsmittel wie Bus und Bahn zu bewegen.

Pforzheim macht gegenwärtig mit dem „Hitze-Ticket“ Furore. Dabei darf jeder Fahrgast, und das übrigens unabhängig vom Wetter, im Stadtgebiet sowie im ganzen Enzkreis den August über drei Stationen umsonst fahren. Das Prinzip ist einfach: „Hitze-Ticket“ beim Einsteigen verlangen und an der dritten Haltestellen aussteigen oder Anschlussfahrkarte für eine längere Strecke lösen.

Werbung für bargeldloses Zahlen

Der Heilbronner Hohenloher Haller Nahverkehr (HNV) findet das auch attraktiv und will im kommenden Jahr darüber nachdenken, sagte Heiko Schäfer, er ist zuständig für die Tarife des HNV. „Es gibt immer irgendwelche Aktionen, wir haben unsere eigenen“, erklärte dagegen Dieter Albrecht vom Kreisverkehr Schwäbisch Hall. Beispielsweise soll die „Kolibricard“ Fahrgäste zu bargeldlosem Zahlen ermutigen. Das spart lästiges Warten am Automaten. Der Preis wird beim Aussteigen von der Karte abgebucht.

In Konstanz, Freiburg und Karlsruhe dürfen Neubürger den ÖPNV gratis testen. In Konstanz können sie zwei Wochen lang umsonst per Bus ihre neue Heimat kennenlernen, sagte eine Sprecherin der Konstanzer Stadtwerke. In der Fastnachtshochburg am Bodensee hilft das „Narrenticket“, den Autoverkehr einzudämmen. 2009 haben sich die Stadtwerke zudem eine ausgefallene Aktion ausgedacht. 2000 Haushalten wurde individuelle Mobilitätsberatung angeboten. Gesucht wurde die umweltfreundlichste Transportmöglichkeit für den Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen - mit dem Bus oder auch mit dem Fahrrad. Die Initiative soll in diesem Jahr wiederholt werden.

In manchen Fremdenverkehrsregionen dürfen Urlauber gratis fahren. In Konstanz gilt das ab der zweiten Übernachtung. Der Schwarzwald ermöglicht schon seit mehreren Jahren Besuchern einen Ausflug zum Nulltarif mit der Konus-Karte. Sie gilt für den Besucher und seine Miturlauber in allen neun Verkehrsverbünden zwischen Rhein und Neckar, Pforzheim und Waldshut-Tiengen. Im Heidenheimer Tarifverbund gibt es tageweise Fahrten zum Nulltarif. Die „ÖPNV-Tage“ stehen aber nur zu bestimmten Anlässen im Kalender, beispielsweise anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Verbundes im Jahr 1998, sagte ein Sprecher im Landratsamt.

Andere ÖPNV-Anbieter werben mit der Verbesserung ihres Angebots um mehr Kunden. Die Städte Mannheim und Heidelberg, Mitglieder im Verkehrsverbund Rhein-Neckar, setzen mehr Niederflurfahrzeuge ein, beseitigen Barrieren an Haltestellen, statten wichtige Haltestellen mit elektronischen Fahr­plananzeigen aus oder schicken Sicherheitspersonal auf die Reise mit. Auch die Verkehrsbetriebe in Karlsruhe konnten etwa mit moderneren Fahrzeugen, kürzeren Reisezeiten oder attraktiven Tarifen nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahren die Fahrgastzahlen laufend steigern und Kunden gewinnen.

Weniger Autofahrten möglich

Wieviele Menschen zugunsten des ÖPNV auf ihr Auto verzichten, lässt sich nur schwer messen. In Kon­stanz wird der Anteil der Busse am gesamten Verkehr auf 14 Prozent geschätzt. Beim Stuttgarter Verkehrs- und Tarifverbund VVS beträgt der Gesamtanteil 18,3 Prozent, in der Stadt Stuttgart sogar 27,2 Prozent. In Karlsruhe werden mit umweltfreundlichen Mitteln - zu Fuß, Fahrrad, Bus, Straßen- und S-Bahn - fast 60 Prozent aller Wege zurückgelegt. Laut einer Untersuchung könnte ein Drittel der verbleibenden Autofahrten unter derzeitigen Rahmenbedingungen verlagert werden.

ÖPNV-Fans müssen sich mancherorts allerdings wieder auf Preiserhöhungen einstellen. Bei der Donau-Iller-Nahverkehrs-GmbH mit den Landkreisen Alb-Donau, Biberach und Ulm war das schon der Fall. Die Tarife stiegen im August um 1,8 Prozent. Beim HTV gibt es regelmäßig Anfang August eine Verteuerung. Der Karlsruher Verkehrsverbund und der VVS passen ihre Fahrpreise ebenfalls jährlich an. Auch beim Kreisverkehr Schwäbisch Hall wird Busfahren laut Albrecht teurer: „Wir fahren die Strategie, jedes Jahr ein bisschen zu erhöhen und nicht auf einmal erheblich.“

 

Artikel vom 27.08.2010 © Eßlinger Zeitung

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