Debatte ohne I-pod
Beim „Jugendlandtag“ reden die Politiker von morgen Tacheles mit ihren Kollegen von heute
Stuttgart - Die Tribüne bleibt leer. Die Jugend, die an Plenartagen des Landtags klassenweise über die Zuschauerränge geschleust wird, hat diesmal unten Platz genommen: im Halbrund des Plenarsaals, in den gepolsterten Ledersesseln der Abgeordneten. Einen Tag lang debattieren am Samstag auf Einladung des Landtags, der Landeszentrale für politische Bildung, des Rings politischer Jugend und des Landesjugendrings 140 Jugendliche über ihre Ideen und Visionen für das Baden-Württemberg von morgen. Und über so manches drängende Problem von heute. Es geht ein wenig anders zu als sonst im Parlamentsbetrieb: Statt in Ausschüssen wie ihre erwachsenen Kollegen diskutieren die Nachwuchspolitiker erst mal an Thementischen in der Lobby des Landtagsgebäudes. Bildungspolitik, Jugendbeteiligung und Integration sind die großen Fragen, um die der „Jugendlandtag“, der erstmals 2002 stattgefunden hatte, kreist. Dass manches der von den Veranstaltern vorgegebenen Themen („I-pod oder Du-pod?“, „Vor oder nach mir die Sintflut?“) die Jugendlichen eher ratlos macht, hindert sie nicht daran, stattdessen einfach über das zu diskutieren, was sie wirklich interessiert. Auch wenn es von den Erwachsenen nicht vorgesehen ist. Stuttgart 21 zum Beispiel. Oder den Atomausstieg.
Bei der Abschlussdebatte am Nachmittag im Plenum reden die Jugendlichen denn auch Tacheles mit ihren erfahrenen Kollegen. Im öffentlichen Nahverkehr wünschen sie sich jugendfreundlichere, sprich: günstigere Tarife. In der Schulpolitik wollen sie nicht die Leidtragenden halbherziger Kompromisse sein. Das achtjährige Gymnasium lehnen sie nicht per se ab, aber die Jugendlichen weisen eindringlich auf den gestiegenen Leistungsdruck hin. Nachdenkliche Gesichter bei den Abgeordneten: Es ist die erste Generation von G8-Schülern, Fachleuten in eigener Sache sozusagen, die ihnen hier die Leviten liest. Die jugendpolitische Sprecherin der CDU, Sabine Kurtz, räumt hinterher offen ein, sie sei „enttäuscht“ über die erarbeiteten Positionen zur Bildungspolitik.Überhaupt reden Jung und nicht mehr ganz so Jung mitunter ein wenig aneinander vorbei. „Bauen Sie Passivhäuser!“, fordert die FDP-Abgeordnete Monika Chef beim Thema Klimaschutz. Ein gut gemeinter, für Teenager aber nicht gerade lebensnaher Ratschlag.
Ruf nach mehr Beteiligung
Wenn es eine Forderung gibt, die am Samstag gänzlich unstrittig ist unter den Jugendparlamentariern, dann die nach mehr Beteiligung. Sie wollen gefragt werden, sie wollen mitreden. Nach dem Willen der Jugendlichen sollte es in jeder Gemeinde im Südwesten einen Jugendgemeinderat geben und künftig auch einen „ständigen Jugendlandtag“, der jährlich tagt und die Landespolitik berät. Beim Grünen-Abgeordneten Siegfried Lehmann rennen sie offene Türen ein: „Nicht nur über Demokratie reden, sondern Demokratie leben“, fordert er vorne am Pult. Hinten im Plenum mosert einer: „Den Spruch hat er bei uns geklaut.“
Keinen Zweifel lassen die jungen Parlamentarier, dass sie von den Politikern eine Vorbildrolle erwarten: „Keine umweltschädliche Dienstlimousine, wenn möglich Bahn“, fordert eine Arbeitsgruppe die Abgeordneten auf, ihr Mobilitätsverhalten zu überdenken. Eine andere will wissen, „ob der Landtag eigentlich Öko-Strom bezieht“. Tut er nicht. Darüber demnächst in einer regulären Debatte mit den anderen Fraktionen zu diskutieren, darauf freue er sich schon, feixt der SPD-Abgeordnete Christoph Bayer.
Reichlich Hausaufgaben
Von Landtagsvizepräsidentin Christa Vossschulte (CDU) gibt es am Ende Lob für die jungen Kollegen. Die lebendige Diskussionskultur sei „schon ein Vorbild für uns Abgeordnete“. Hausaufgaben habe der „Jugendlandtag“ den Parlamentariern reichlich aufgegeben. Da müsse man jetzt mal sehen. Das reicht den Jugendlichen nicht. Verkehrte Welt: Sie wollen die Hausaufgaben der Erwachsenen kontrollieren. Schon bald.




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