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Empfehlungen zur Verhinderung von Amokläufen

Expertenkommission legt dem Landtag Gesamtkonzept mit 83 Maßnahmen vor - Bessere Waffenkontrollen gefordert

  Trauer um die Opfer des Amoklaufs vor der Albertville-Realschule in Winnenden am 12. März.Foto: dpa
 

Trauer um die Opfer des Amoklaufs vor der Albertville-Realschule in Winnenden am 12. März. Foto: dpa

 
Stuttgart/Bad Boll - Gefährliche Waffen reduzieren, deren Aufbewahrung gebührenpflichtig kontrollieren, sogenannte Killerspiele verbieten und die Schulen mit Alarmsignal und Türsicherung schützen - das sind einige der zentralen Maßnahmen, die eine Expertenkommission als Konsequenz aus dem Amoklauf von Winnenden und Wendlingen vom 11. März empfiehlt.

Von Detlef Holland

Gestern legte das Gremium unter Leitung des ehemaligen Stuttgarter Regierungspräsidenten Udo Andriof seinen Abschlussbericht vor. Er dient nun als Vorlage für den Sonderausschuss „Amoklauf Winnenden“ des Landtags. Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) bezeichnete die Vorschläge der Kommission als „maßvoll“. Er versprach, dass sie sich im Etat 2010/11 wiederfinden würden, warnte allerdings auch vor überzogenen Erwartungen: „Man darf die Grenzen des Haushalts nicht verkennen.“ Allein die Kosten für die Aufrüstung der Schulen mit sicheren Türknäufen, die sich von innen öffnen lassen müssen, schätzte Kultusminister Helmut Rau (CDU) auf 30 bis 50 Millionen Euro für die mehr als 100 000 Schulräume im Land.

Ziel der Empfehlungen der Kommission ist es nach den Worten Andriofs, die „gesamtgesellschaftliche Verantwortung“ zu stärken, Risikofaktoren zu reduzieren und den Schutz an Schulen zu verstärken. Nicht zuletzt sei es auch Verpflichtung gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen, wenn der Staat alles dafür tue, künftige Amokläufe unwahrscheinlicher zu machen.

Die Experten empfahlen auch, dass Waffenbesitzer für Kontrollen eine Gebühr bezahlen sollen. Aus dieser Gebühr könne mehr Personal für diese Kontrollen finanziert werden. „Die Verfügbarkeit von Waffen ist ein erheblicher Faktor für Amoktaten“, betonte Andriof. Langfristiges Ziel müsse es sein, großkalibrige Schusswaffen und andere extrem gefährliche Waffen aus den Privathaushalten gänzlich zu verbannen.

Als Präventionsmaßnahmen empfiehlt der 13-köpfige Expertenkreis, an dessen neun Sitzungen seit Ende März auch Angehörige der Opfer teilnahmen, ein „faires Miteinander“, das schon im Kindergarten beginnen müsse, und die Förderung eines positiven Schulklimas. Die Ganztagesbetreuung müsse ausgebaut und außerschulische Aktivitäten sollten gestärkt werden. Zudem solle ein Landespräventionsrat gegründet werden.

Im Bereich der Früherkennung fordern die Experten die psychopathologische und kriminologische Untersuchung von Trittbrettfahrer-Fällen, mehr Handreichungen für Lehrer und Polizei über Amokläufe sowie einen verbesserten Datenaustausch zwischen Schulen, Polizei, Jugendamt sowie der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Um die Sicherheit an den Schulen zu erhöhen, schlägt die Kommission eine ressort­übergreifende Krisenhotline vor. Schulleiter sollten Funkgeräte - sogenannte Pager - bekommen, damit sie jederzeit erreichbar sind und bei Bedarf auch über gravierende Vorfälle an anderen Schulen informiert werden können. Nach dem Amoklauf von Winnenden und Wendlingen war Kritik aufgekommen, weil ein Teil der Schulen in der Region nicht rechtzeitig informiert waren und daher keine Sicherheitsvorkehrungen treffen konnten.

Die 83 Empfehlungen müssten nun im Einzelfall geprüft werden, sagte der innenpolitische Sprecher und Obmann der Grünen im Sonderausschuss „Amoklauf Winnenden“ des Landtags, Uli Sckerl. Die Obfrau der SPD-Landtagsfraktion im Sonderausschuss, Katrin Altpeter, hofft, dass der Ausschuss zu konkreteren Empfehlungen kommen wird als die Regierungskommission, vor allem beim Thema Waffenrecht.

Konsequentere Erziehung verlangt

Das Aktionsbündnis Amoklauf forderte indes eine konsequentere Erziehung, die über das reine Betreuen von Kindern durch ihre Eltern hinausgeht. „Wir müssen es wieder wagen, unsere Kinder zu erziehen“, sagte Gisela Mayer auf einer Tagung in Bad Boll. Eltern müssten dann auch mal nachts um drei ihrem Kind erklären, dass das Computerspiel, das es gerade spielt, schrecklich sei. „Wir dürfen uns nicht scheuen, von einer Werteerziehung zu sprechen.“ Mayer, die bei dem Amoklauf von Winnenden ein Kind verloren hat, forderte eine „neue Kultur des Hinsehens und des Gesprächs“ - besonders auch innerhalb der Familie.

Der frühere Landespolizeipräsident Erwin Hetger forderte eine bessere „Bedürfnisprüfung“ im Waffenrecht. Sportschützen, die ihren Sport beispielsweise nach zwei Jahren wieder aufgeben würden, dürften ihre Waffen weiter behalten. „Da kontrolliert hinterher keiner.“ Er verlangte außerdem eine bessere Ausrüstung der Polizei. Nur durch das sofortige Eingreifen der Beamten vor Ort sei Schlimmeres verhindert worden. Doch ohne eine bessere Ausstattung sei dies nicht zumutbar. Zugleich setzte sich Hetger für mehr Polizeikräfte ein.

 

Artikel vom 01.10.2009 © Eßlinger Zeitung

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