„Der Garten ist für uns pure Freude“
ES-OBERESSLINGEN: Die Parzellen des Vereins der Gartenfreunde sind bei jungen Familien wieder gefragt
Zwiebeln, Tomaten, Kartoffeln, Erdbeeren, Himbeeren, Akelei, Rosen, Rhododendron - es wächst, blüht und wuchert in den Kleingärten der Gartenfreunde Oberesslingen. Der 1943 gegründete Verein verfügt über 63 Gärten in vier Anlagen. Hier vergnügen sich eingeborene Oberesslinger, eingewanderte Russlanddeutsche, Türken und Italiener meist auf jeweils drei Ar mit Gemüse, Obst und Blumen. In den vergangenen zwei Jahren sind viele junge Familien dazu gekommen.
Noch vor drei Jahren hatte der Verein freie Gärten für die sich kein Pächter fand. Das ist vorbei. „Ich glaube, das ist ein Trend von außen, dass junge Familien den Garten wieder entdecken“, sagt Hans-Werner Breisch, Kassierer des Vereins. In westlichen Großstädten nennt man das „urban gardening“ (städtisches Gärtnern), dort allerdings bezeichnet es die Bewegung, sich öffentlichen verwilderten Grund anzueignen und zu bewirtschaften. In Esslingen bleibt das Stadtgärtnern im legalen Rahmen.Wer bei den Gartenfreunden Oberesslingen einen Garten ergattern kann, darf in der Regel drei Ar beackern. Ein Viertel der Fläche soll dann richtig bewirtschaftet werden. „Früher musste ja der gesamte Grund mit Gemüse und Obst verwendet werden, das machen wir nicht mehr“, erklärt Walter Prause, seit fast 30 Jahren Vorsitzender des Vereins. Würde man aber die Nutzung ganz freigeben, „hätten wir zu viele Rasenflächen“, glaubt er. Gegründet wurde der Verein der Gartenfreunde 1943 mit 123 Mitgliedern. Nach dem Krieg wuchs die Mitgliedschaft auf 540, der Bedarf an Flächen für den Gemüseanbau war groß. Nach der Währungsreform 1948 verbesserte sich die Versorgung, das Interesse am Kleingarten sank. Zudem verringerte sich der Grund und Boden, den die Stadt dem Verein zum Verpachten zur Verfügung stellte, weil Platz für den Wohnungsbau und das Gartenstadt-Gemeindehaus benötigt wurde. Heute gehören vier Anlagen zum Verein: Pfostenäcker mit 20 Einzelgärten, Lerchengrund (20), Zimmerbach (14) und Rosselen (8).
Keine hohen Bäume
Ein schnurgerader kurz gemähter Rasenweg führt durch die Anlagen, rechts und links blühen Blumen, an Stangen winden sich die ersten Bohnen empor, Tomaten werden gestützt, in den Erdbeerbeeten blitzt es rot. Auf kleinen Rasenflächen warten Liegen auf Sonnenanbeterinnen, Kinder bespritzen sich mit Wasserpistolen. Große Bäume zu pflanzen ist verboten, „weil die zu viel beschatten“, so Vereins-Chef Prause. So hat man freien Blick auf die Beete. Bei Hildegard Raffer stehen die Zwiebeln, Pastinaken, Erbsen, Gurken in Reih und Glied. Sie genießt den Anblick ihres gepflegten Anwesens bei einer Tasse Kaffee und leise duldendem Radio. „Ich zupf gerne an meinen Blumen und dem Gemüse herum“, sagt die 69-Jährige. In punkto Gemüse und Obst sei sie übrigens nahezu Selbstversorgerin.
Wie sie halten es viele Oberesslinger Gartenfreunde. Die Familie Popp - sie aus Sibirien, er aus Kasachstan - verbringt bei gutem Wetter jedes Wochenende in ihrem Garten „Schon wenn man durchs Tor kommt, ist hier eine ganz andere Luft“, sagt Mutter Marina Popp. Seit drei Jahren hat die Familie den Garten. „Mein Bruder ist schon elf Jahre hier, wir mussten warten, bis wir endlich einen bekommen konnten“, erzählt die Vize-Vorsitzende des Vereins. „Der Garten ist für uns pure Freude.“
Man habe einige Russland-Deutsche, berichtet Prause. Auch ein paar türkische Familien seien dazu gekommen. „Da gab es nie ein Problem. Das sind genauso Kleingärtner wie wir“, betont Breisch. Nun ja. Auf dem Weg durch die Anlage am Zimmerbach kommt eine Gartenfreundin auf den Vorsitzenden zu. „Das mit denen da drüben, den Türken, das geht nicht. Die grillen hier abends um neun Uhr. Mit solchen Rauchschwaden! Da musst Du mal was tun.“ Prause nickt. „Ich rede mit denen“, meint er beruhigend und erklärt kurz danach: „Andere haben sich noch nicht beschwert. Manche stören sich halt an Kleinigkeiten.“
Im Großen und Ganzen liefe es im Verein aber problemlos. „Wenn die Gärten einigermaßen in Ordnung gehalten werden, ist doch alles gut.“ Und wenn nicht? „Dann reden wir mit den Pächtern. Wenn sich herausstellt, dass die einfach keine Zeit haben, um ihren Garten zu pflegen, lege ich ihnen nahe, ihn aufzugeben. Es gibt ja genügend Leute, die sich freuen, wenn sie ein Grundstück bekommen.“



Artikel kommentieren