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INTERVIEW ANJA ZIMMER, AUTORIN UND MITTELALTER-FACHFRAU

„Dem König allein war Hermelin vorbehalten“

ESSLINGEN: Wie die Menschen früher gelebt und sich angezogen haben

  Die Vorleserin: Anja Zimmer kennt sich im Mittelalter so gut aus, dass sie sogar auch Geschichten daraus erfinden kann. Foto: Bulgrin
 

Die Vorleserin: Anja Zimmer kennt sich im Mittelalter so gut aus, dass sie sogar auch Geschichten daraus erfinden kann. Foto: Bulgrin

 

Wenn man schon einmal eine Fachfrau fürs Mittelalter im Klassenzimmer hat, die dazu auch noch Märchen und Romane schreiben kann, dann muss man das auch ausnutzen. Daniel, Elias, Emre, Cosmin, Alex und Didar aus der Klasse 4a der Esslinger Waisenhofschule haben sich für die Eßlinger Zeitung mit der Autorin Anja Zimmer unterhalten. Wie kamen Sie darauf, Bücher zu schreiben?

Zimmer: Das ist etwas, was man gar nicht beschreiben kann. Das ist eine innere Notwendigkeit. Könnt Ihr das verstehen? Also: Ich habe ein ganz starkes Bedürfnis, diese Geschichten aufzuschreiben. Ich habe es ja schon vorhin erzählt, sie kommen einfach so angeflogen, und es ist dann für mich ganz wichtig, dass ich sie aufschreibe. Das macht mir unheimlich viel Spaß.

Wann begannen Sie denn mit dem Schreiben?

Zimmer: Im Grunde genommen habe ich im ersten Schuljahr mit dem Schreiben angefangen.

Haben Sie ein Buch geschrieben, das im Mittelalter spielt?

Zimmer: Ja, ich habe drei Bücher geschrieben, die im Mittelalter spielen. Zwei meiner Romane spielen in Irland im frühen Mittelalter, also Mitte sechstes Jahrhundert. Ein Buch spielt im späten Mittelalter in Deutschland.

Woher wissen Sie so viel über das Mittelalter?

Zimmer: Das nennt man Recherche, das heißt, ich lese dann ganz viele andere Bücher über das Mittelalter, damit ich weiß, was da passiert ist, und es dann auch vernünftig schreiben kann. Zum Beispiel das letzte Buch, das ich geschrieben habe, der Roman, der im späten Mittelalter spielt, den nennt man eine Biografie, denn da beschreibe ich das Leben von einer Frau, die tatsächlich gelebt hat. Da habe ich in der Universitätsbibliothek in Marburg recherchiert und in der Schlossbibliothek und im Adelsarchiv. Wisst Ihr, was ein Archiv ist? In einem Archiv da sind ganz, ganz viele Bücher und da ist alles aufgeschrieben. Im Adelsarchiv ist alles aufgeschrieben, was die adligen Familien in Deutschland betrifft. Da sind alle Personen aufgeführt, die jemals gelebt haben und die adlig sind in Deutschland. Und da steht eben auch ganz genau drin, wer wie viele Kinder bekommen hat, wer wen geheiratet hat, wann die Leute gestorben sind und so weiter. Und wer mit wem verwandt ist. Das ist dann ganz wichtig, wenn man das Leben von einer Frau beschreiben will, dann muss man ja wissen, wann sie geboren ist, wie viele Geschwister sie hatte, wer die Eltern waren, wen sie geheiratet hat, wie viele Kinder sie selber bekommen hat und so weiter.

Feierten die Leute im Mittelalter denn auch schon Feste wie zum Beispiel Weihnachten?

Zimmer: Ja, auch schon im Mittelalter wurde Weihnachten gefeiert. Im Abendland, zu dem wir ja gehören, wurde schon im 4. Jahrhundert Weihnachten gefeiert.

Was zogen die Bauern früher an, damit sie es warm hatten?

Zimmer: Die Bauern trugen einfache Wollsachen. Das Oberteil, das so ähnlich geschnitten war wie ein weiter Pullover, nannte man Wams. Darüber trugen sie eine Gugel. Das ist eine Kapuze mit einem weiten Kragen. Dieses praktische Kleidungsstück hält Kopf, Hals und Schultern warm. Die Hosen damals nannte man Bruchen. Sie waren aus Leinen oder Wolle und wurden gebunden. Darüber konnte man so genannte Beinlinge tragen. Das waren zwei Hosenbeine, die nicht miteinander verbunden waren, wie wir das heute kennen. Sie wurden an der Bruche oder am Gürtel befestigt. An den Füßen trugen die Bauern im Winter Holzschuhe. Die halten sehr warm. Außerdem gab es die Bundschuhe, die aus einem Stück Leder geschnitten und zusammengebunden waren.

Hat sich in den 1000 Jahren Mittelalter etwas in der Mode geändert?

Zimmer: Ja, das Mittelalter war eine sehr lange Zeit. Man unterscheidet zwischen dem frühen Mittelalter, dem Hochmittelalter und dem Spätmittelalter. In dieser Zeit hat sich für die Bauern wenig geändert. Die Bauern waren immer sehr einfach gekleidet und durften sich auch nicht aufwändiger kleiden. Es war ganz genau festgelegt, welcher Stand welche Stoffe, Felle und Pelze tragen durfte. Bauern durften die Felle von den Tieren tragen, die sie auf dem Hof hatten. Bürger durften Biberpelze tragen, dem König allein war das Hermelin vorbehalten.

So ein Hermelin zu fangen, ist ja ganz schön schwer.

Zimmer: Ja. Und wer sich kostbarer kleidete, als es für seinen Stand vorgeschrieben war, wurde schwer bestraft. Eine Handwerkersfrau durfte kein Kleid aus Seide tragen, selbst wenn ihr Mann noch so gut verdiente und sie es sich hätte leisten können. In der Mode für die Adligen und reichen Bürger hat sich in dieser Zeit natürlich viel verändert. Im frühen Mittelalter war die Mode noch relativ schlicht. Im Hochmittelalter wurden die langen Ärmel bei den Frauenkleidern modern. Die so genannten Trompetenärmel. Die Ausschnitte der Frauenkleider waren eckig und mit Borten oder Stickereien verziert. Die Kleider brachte man damals mit Schnürungen in Form.

Man zeigte mit dieser Kleidung auch, dass man nicht zu arbeiten brauchte, denn für die Arbeit waren diese Ärmel einfach zu unpraktisch. Im späten Mittelalter wurden die Ärmel wieder etwas enger. Man erfand Schnitte, die die Figur betonten, und noch mehr Farben, um die Stoffe zu färben.

Ist die Kinderkleidung anders als die der Eltern?

Zimmer: Das ist etwas ganz Besonderes im Mittelalter. Man unterschied nicht zwischen Kindern und Erwachsenen. Kinder und Erwachsene trugen die gleichen Schnitte und Stoffe. Es gab keine spezielle Kleidung für Kinder, wie wir das heute kennen. Auch in der Unterhaltung wurde nicht zwischen Kindern und Erwachsenen unterschieden. Heute gibt es spezielle Bücher und Filme für Kinder. Damals gab es natürlich sehr wenig Unterhaltung. Auf Jahrmärkten konnte man ein Puppentheater sehen oder ein Theaterstück. Diese Geschichten waren aber für alle Altersstufen gedacht.

Wissen Sie etwas über die Kleidung in der Stauferzeit?

Zimmer: Die Stauferzeit war Hochmittelalter. Da waren die langen Ärmel modern. Die Männer trugen in dieser Zeit lange Gewänder, die hinten und vorne geschlitzt waren, damit sie besser auf ihren Pferden sitzen konnten. Man trug damals übrigens noch keine Mäntel mit Ärmeln, sondern Umhänge mit Kapuzen, die man mit Gewandfibeln schloss. Im späten Mittelalter, als die Bürger in den Städten immer reicher und mächtiger wurden, haben die Bürger auch mit ihrer Kleidung gezeigt, wie reich sie waren. Für die Bauern hat sich aber nie viel in der Mode geändert. Für die Bauern musste die Kleidung immer warm und praktisch sein.

Anja Zimmer, Jahrgang 1968, hat in Gießen Germanistik und Theologie studiert. Wer mehr über ihre Bücher wissen will, wird im Internet unter www.Frauenzimmer-Verlag.de fündig.

 

Artikel vom 09.04.2009 © Eßlinger Zeitung

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