Immer mehr Kinder greifen zur Flasche
181 Jugendliche wurden 2011 mit einer Alkoholvergiftung ins Olgakrankenhaus eingeliefert - Zentrale Ausnüchterungseinheit der Polizei registrierte 2535 Personen
Stuttgart - Im vergangenen Jahr wurden in der Zentralen Ausnüchterungseinheit (ZAE) des Polizeipräsidiums Stuttgart 2535 Personen eingeliefert. Im Jahr zuvor waren es 2412. Die Zahl der Kinder- und Jugendlichen, die im Klinikum Stuttgart - vorwiegend im Olgahospital - wegen der Diagnose Alkoholintoxikation behandelt wurden, hält sich auf hohem Niveau.
Alkohol ist bei Kindern und Jugendlichen das am häufigsten konsumierte Suchtmittel. Wodka steht laut einem Arzt des Olgahospitals an oberster Stelle. „Dieser wird dann oft mir süßen Getränken, wie Eistee, Red Bull oder Fanta gemischt.“ Selten kämen Bier oder Wein infrage. Nach der Drogenaffinitätsstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aus dem Jahr 2009 haben drei Viertel der 12- bis 17-Jährigen schon einmal Alkohol getrunken. Die Konsumgewohnheiten der Jugendlichen haben sich in den letzten Jahren stark verändert. Dies ist auch in Stuttgart spürbar. Im Olgahospital werden Jahr für Jahr mehr Kinder mit Alkoholvergiftung aufgenommen. 2008 wurden mehr als 118 Fälle gezählt. 2010 wurden 196 Kinder und Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung ins Klinikum eingeliefert (2009: 188). Im vergangenen Jahr waren es 181. Das seien zwar weniger Jugendliche als 2010, aber die Zahl halte sich seit Jahren konstant hoch. Auffallend ist, dass mehr Mädchen betrunken eingeliefert werden. Im Alter von 17 Jahren waren es 28, im Alter von 16 Jahren waren es 44 Mädchen. Die höchste Promillegrenze, die im vergangenen Jahr bei einem Jugendlichen festgestellt wurde, lag bei 2,8 Promille - Patient nicht mehr ansprechbar, komatös. Laut einer Aufstellung des Krankenhauses gibt es vermutlich mehr als 160 000 abhängige Jugendliche. Im vergangenen Jahr sei den Krankenschwestern vor allem eines aufgefallen: Die angetrunkenen Jugendlichen hätten mehr Gewaltpotenzial gezeigt, hätten mehr randaliert. „Ringkämpfe“ veranstalte man allerdings keine, so der Arzt.
15-Jährige sehr gefährdet
Käme es zu Handgreiflichkeiten - wie im vergangenen Jahr der Fall - dann werde die Polizei eingeschaltet. In den Kliniken des Landes wurden vor vier Jahren insgesamt 4014 Kinder und Jugendliche im Alter von 11 bis 19 Jahren behandelt, weil sie übermäßig Alkohol getrunken hatten. Das waren laut Statistischem Landesamt Stuttgart 342 oder neun Prozent mehr als 2007. Damit hat sich die negative Entwicklung der vorangegangenen Jahre fortgesetzt. Besonders gefährdet seien demnach 16-Jährige. Man beobachte allerdings zunehmend, dass immer mehr unter 15-Jährige zur Flasche greifen. Kaum ein Wochenende vergeht, ohne dass die Polizei Jugendliche mit zwei Promille und mehr im Blut aufgreift. Aber nicht nur Jugendliche werden von der Polizei aufgegriffen. Sich mit den betrunkenen Erwachsenen auseinanderzusetzen, ist für die Beamten nicht immer eine leichte Aufgabe. Um die betrunkenen Personen auszunüchtern, werden sie in die Zentrale Ausnüchterungseinheit (ZAE) im Stuttgarter Polizeipräsidium gebracht. Dort wurden im abgelaufenen Jahr 2535 betrunkene Personen eingeliefert (2010: 2412; 2009: 2722). Davon wurden 308 Frauen ausgenüchtert.
Medizinische Aufsicht
Seit November 2001 ist die ZAE in Betrieb. Mit der Eröffnung ging damals der lang gehegte Wunsch in Erfüllung, Betrunkene oder aufgrund Drogenkonsums hilflose Menschen im Polizeigewahrsam auch unter medizinischer Aufsicht auszunüchtern. Denn obwohl jede hilflose Person vor der Aufnahme in den Gewahrsam ärztlich untersucht wurde und wenn notwendig individuelle Überwachungszeiten - auch nach Vorgabe der Ärzte - eingehalten wurden, starben zwischen 1986 und 1999 in den Zellen 19 Menschen, unter ihnen 14 infolge Alkoholmissbrauchs und eine Person infolge Drogeneinwirkung. Die ZAE war von Beginn an gut ausgelastet.
Im ersten vollen Betriebsjahr 2002 waren von insgesamt 6711 in Gewahrsam genommenen Personen 3666 in der Zentralen Ausnüchterungseinheit, im Jahr 2003 kletterte die Zahl der Auszunüchternden auf 3959 von 6433 Ingewahrsamnahmen insgesamt. Seit 2005 sind die Zahlen rückläufig. Im Jahr 2008 wurden insgesamt 4464 Personen in den Polizeigewahrsam eingeliefert, 2988 von ihnen mussten in die Zentrale Ausnüchterungseinheit eingewiesen werden. 2009 erfolgte bei 31 Personen eine Einweisung ins Krankenhaus, im Jahr 2010 waren es 29. Der Gesundheitszustand hatte sich enorm beim Eingelieferten in der Zelle verschlechtert. (2008 wurden 77 ins Krankenhaus gebracht.) Im Jahr 2010 haben zwei Personen einen Selbstmordversuch in der Zelle unternommen. Im vergangenen Jahr wurde ein Suizidversuch unternommen. Durch die Videoüberwachung in der ZAE konnten die Beamten aber rechtzeitig eingreifen. Todesfälle gab es noch keine.
In der ZAE haben ein Arzt oder eine Ärztin nebst Pflegepersonal gemeinsam mit Polizeibeamten Dienst. Arzt und Pfleger garantieren jede Nacht von 19 bis 7 Uhr die medizinische Betreuung hilfloser Personen, von denen der größte Teil in den Abend- und Nachtstunden eingeliefert werde. Der diensthabende Arzt und Pfleger können während der Ausnüchterung eventuell auftretende Komplikationen, kritische Veränderungen im Gesundheitszustand oder Verletzungen rechtzeitig erkennen und im Notfall sofort mit der medizinischen Versorgung beginnen. Durch den diensthabenden ZAE-Arzt wurden im vergangenen Jahr 980 Blutentnahmen (2010: 1039) durchgeführt. Bei der Überprüfung der in Gewahrsam genommenen Personen wurden bei insgesamt 21 (2010: 29) Personen eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes festgestellt. Sie wurden in ein Krankenhaus gebracht.



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