Leben mit der unsichtbaren Gefahr
Dicke Luft am Neckartor: Die Anwohner wissen, warum es noch lange so bleibt
Stuttgart - Auf sechs Spuren quält sich die Blechlawine unter der Brücke durch. Auto an Auto, Lastwagen an Lastwagen. 80 000 am Tag. Das Stuttgarter Neckartor ist ein wahrlich ungemütlicher Ort, allerdings lockt der riesige Schlossgarten nur wenige Schritte weiter. Und den liebt Peter Erben. Genauso wie andere Vorzüge des Großstadtlebens, etwa die kurzen Wege, das kulturelle Angebot, das besondere Flair zwischen Studenten und Künstlern. Der 50-Jährige lebt gern hier - wenn da nur die unsichtbare Gefahr durch den Feinstaub nicht wäre. Vor allem für seine beiden Töchter.
Gäbe es mehr Messstationen in der Stadt, wäre das Neckartor seinen miesen Ruf als Drecksloch los, ist Erben überzeugt. „Dann würde man sehen: Die Luftverschmutzung betrifft die ganze Stadt.“ Die Lage im Kessel sei nun mal schwierig. Zwei Kilometer weiter südlich, an der Hohenheimer Straße etwa, sind die Stickstoffwerte exorbitant hoch. „Das tut fast gut, weil es zeigt, dass es kein Problem nur des Neckartors ist, wo ja angeblich ohnehin niemand wohnt.“
Mit der Geburt seiner zweiten Tochter vor fünf Jahren zog der Metallbaumeister samt Familie ans Neckartor. Vor drei Jahren schaffte er sein Auto ab, nutzt gerne Stadtbahn und Carsharing. Eine Eigentumswohnung, 100 Quadratmeter, in einem Gründerzeithaus hatte es den Altbaufans angetan. Sie hat Charme und war bezahlbar. Dass er damit zum Nachbarn von Deutschlands verrufenster Feinstaub-Messanlage wurde, merkte Erben erst später. Das war zu der Zeit, als die Stuttgarter Behörden von Brüssel dazu gezwungen wurden, etwas gegen das unsichtbare Gift zu tun. Seither hat Erben viel erlebt: Er hat die speziellen Kehrmaschinen kommen und gehen sehen, mit denen der Feinstaub aufgesaugt werden sollte. Auch das Durchfahrtsverbot für Lastwagen kam, ging und kam wieder. Im Frühjahr 2008 kam zudem die Umweltzone. Seither sind alle Windschutzscheiben mit bunten Aufklebern verziert. „Ich sehe das Ergebnis, und das zeigt: Es hat sich nichts verändert“, sagt Erben beim Blick auf die neuesten Zahlen des Landesumweltamtes.
Richtig wütend werden kann Erben, wenn er sieht, welche bizarren Versuche unternommen werden, um Stuttgart etwas sauberer dastehen zu lassen: Kleber auf die Straße zu sprühen, der die winzigen Partikelchen binden soll, hält er für einen Witz. „Das ist ein Betrugsversuch“, schimpft er. Es gehe einzig und allein darum, die Werte zu drücken. „Es sind die großen Infrastrukturmaßnahmen, die in Stuttgart immer wieder falsch sind.“ Da werde ein neuer Tunnel unter dem Rosenstein gebaut, der dem Neckartor 13 000 Fahrzeuge zusätzlich bringe. Da werde auf dem nahen Stuttgart-21-Gelände am Hauptbahnhof ein Einkaufspark geplant, der weiteren Verkehr anziehe. Da werde unmittelbar zwischen Neckartor und Schlossgarten ein neues Ministerium so gebaut, dass es wie ein Riegel jede Frischluftzufuhr unterbricht. Schlecht geplant sei das alles, meint Erben, habe in dem Fall aber eventuell auch was Gutes: „So bekommen die Landesbeamten auch mal ihr Fett ab.“



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