Mit einem Tennisplatz fing alles an
Der Industrielle Ernst von Sieglin ließ vor knapp 100 Jahren im Weißenburgpark ein architektonisches Kleinod errichten
Stuttgart - Vielleicht war es bei den Sieglins so wie in anderen Familien auch. Irgendwann war das Bitten und Betteln der Kinder so eindringlich geworden, dass Vater Ernst dem Drängen nachgab. Bei dem vorgetragenen Wunsch handelte es sich allerdings nicht um neue Kleidung oder einen Hund. Der Nachwuchs forderte einen Tennisplatz - und sollte diesen ebenso bekommen wie die Gattin ein Teehaus, in dem sie ihre Freundinnen zum Teekränzchen empfangen konnte. Auch an sich selbst und seine gepflegten Herrenabende dachte der Altertumsforscher. Unterhalb des Hangs am Bopser ließ er in den Jahren 1912 und 1913 mit dem Marmorsaal einen repräsentativen Saalbau errichten, als Architekten hatte er Heinrich Henes beauftragt. An Geld mangelte es schließlich nicht: Durch die Herstellung und geschickte Vermarktung von Waschmittel (Verkaufshit: „Dr. Thompson‘s Seifenpulver“) war der Stuttgarter Chemiker mit den Jahren wohlhabend geworden.
Knapp ein Jahrhundert später müssen Spaziergänger im Süden der Stadt vom Ernst-Sieglin-Platz aus erst einige Treppen überwinden, um auf das einstmals herrschaftliche Anwesen des Waschpulverkönigs zu gelangen. Von der 1843 erbauten klassizistischen Villa Weißenburg, die die Familie 1898 bezog, gibt es keine Spuren mehr. Diese stand auf Höhe der Einmündung Neue Weinsteige in die frühere Weinsteige. 1964 wurde das Gebäude abgerissen, nachdem die Stadt Stuttgart zu dem Schluss gekommen war, es sei architektonisch und historisch ohne jeden Wert. Ein Urteil, über das sich Denkmalschützer heute die Haare raufen könnten. „Es gab zu dieser Zeit kein überzeugendes Nutzungskonzept, das es gerechtfertigt hätte, die Villa zu erhalten“, weiß Stadtplaner Herbert Medek.
Allerdings haben von dem Anwesen, das 1956 in städtischen Besitz überging, der Marmorsaal und das Teehaus „überlebt“. Zur Bundesgartenschau 1961 wurde der Park als öffentliche Grünanlage gestaltet. Bereits von weitem ist beim Aufgang zum Marmorsaal die Jupitersäule sichtbar. Auf deren höchstem Punkt thront eine Bronzestatue, die in freudiger Erwartung „des von den Bergen herabkommenden Frühlings“ - so der Titel der Plastik - entgegenblickt. Noch lässt sich nicht erahnen, welche Reichtümer der im neoklassizistischen Stil erbaute Saal in sich birgt. Dazu bedarf es erst eines Blicks durch die Scheiben der vergoldeten Flügeltüren. Zwei halbrunde Wasserbecken sind in den Boden eingelassen. Die Innenausstattung wird von Marmor und Stuck bestimmt. An den Längsseiten stehen Säulen, die mit Golddekor verziert sind. Dass der Saal vor zwei Jahrzehnten aufgrund seines miserablen baulichen Zustands nicht einmal mehr betreten werden durfte und zum Abstellraum für das Gartenbauamt degradiert worden war, scheint heute kaum vorstellbar. Allerdings war genau dies der Fall: Die vom Hang eingedrungene Feuchtigkeit hatte dem Saal stark zugesetzt, die Decke drohte einzustürzen.
Die Stadt überließ damals den Raum dem Förderverein Alt Stuttgart, der Anfang der 90er-Jahre die fachgerechte Renovierung vorantrieb. Mit Zuschüssen aus dem Rathaus, von Seiten des Landes, der Denkmalstiftung Baden-Württemberg und zu einem großen Teil aus Spenden konnte das „Herrenkabinett“ für 5,7 Millionen Mark saniert werden. Während der Marmorsaal dieser Tage nur bei festlichen Anlässen wie Konzerten, Lesungen und Hochzeiten seine Tore öffnet, zieht das oberhalb gelegene bewirtschaftete Teehaus an fast allen Tagen im Jahr Gäste aus Nah und Fern an. Die Form des Bauwerks spiegelt dabei die Liebe ihres damaligen Bauherrn zur Antike wieder. Architekt Heinrich Henes entwarf für den Altertumsexperten ein ovales Haus mit einem Umgang hinter ionischen Säulen. Die Malereien von Julius Mössel, einem der gefragtesten Künstler seiner Zeit, sorgten im Inneren der Kuppel für Aufsehen.
Tennis wird im Weißenburgpark übrigens seit Jahrzehnten nicht mehr gespielt. Der einstige Court der Familie auf dem Dach des Marmorsaals ist mittlerweile so mit hohem Gras zugewachsen, dass bei dessen Anblick wohl all jene Gärtner, die beim Traditions-Turnier in Wimbledon den Rasen pflegen, schreiend davon rennen würden.



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