Das vergessene Nazi-Denkmal
Travertinsäulen in der Neckartalstraße waren von Albert Speer in Auftrag gegeben worden
Stuttgart - Adolf Hitlers oberster Bauherr Albert Speer hatte sie bestellt, abgeholt wurden sie jedoch nie. Vierzehn Kolossalsäulen in Stuttgart zeugen von der Gigantomanie der Nazi-Architektur. Zwischen Müllkraftwerk und Recyclinghof werden sie heute aber oft übersehen. Den meisten Stuttgartern ist das recht.
Die Neckartalstraße kennen vor allem Pendler und Lastwagen-Fahrer. Spaziergänger verirren sich nur selten auf die breite Durchgangsstraße, die unter dem Müllkraftwerk hindurchführt, vorbei an einem Recyclingbetrieb, wo es nicht gerade nach Veilchen duftet. Genau hier steht bezeichnenderweise eine der greifbarsten Erinnerungen an die Geschäfte der Stuttgarter Wirtschaft mit dem Naziregime. Die halbe Stadt diskutiert seit Jahren darüber, inwieweit das von den Nazis als Folterraum genutzte ehemalige „Hotel Silber“ in der Innenstadt zur authentischen Gedenkstätte taugt. Draußen an der Neckartalstraße stehen derweil akkurat aufgereiht greifbare Zeugnisse der NSZeit, gefertigt nebenan im ehemaligen Steinbruch Lauster für die Nazi-Hauptstadt „Germania“. Doch die meisten Stuttgarter haben die Säulen heute vergessen, Durchfahrende übersehen sie. 1936 hatte die Stadt Berlin laut Auskunft des Stuttgarter Amts für Stadtplanung bei Lauster vierzehn Säulen aus gelblichem Cannstatter Travertin bestellt. Das „Stuttgarter Marmor“ genannte Kalkgestein zählte zu den bevorzugten Baumaterialien der Nazi- Architekten. Die Säulen waren für ein Mussolini- Denkmal am Adolf-Hitler-Platz (heute Theodor-Heuss-Platz) in Berlin-Charlottenburg bestimmt, geplant von Hitlers Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt, Albert Speer.
Bestellt und nicht abgeholt
Der Krieg machte den Plänen für „Germania“ einen Strich durch die Rechnung. Die Säulen stehen seit ihrer Fertigung an der Neckartalstraße bestellt und nicht abgeholt. Anstatt das Mussolini- Denkmal zu tragen, begrenzen die Säulen bis heute das ehemalige Steinbruchgelände. Die Firma Lauster hat den einstigen Stammsitz nach ihrem Konkurs vor gut zwanzig Jahren geräumt.
Die Säulen freilich, nach dem Krieg von der Stadt Berlin zurückgekauft und seit 1984 gemeinsam mit dem Steinbruchgelände unter Denkmalschutz, blieben stehen. Allerdings sind sie wegen der Erweiterung des Kraftwerks auf der anderen Straßenseite seit den 1960ern nicht mehr weithin sichtbar, sondern vielmehr eingezwängt von der gigantischen Müllverbrennungsanlage. Immer wieder wurde in der Vergangenheit über einen neuen Platz für die Säulen nachgedacht. Der Architekt Georg Kieferle wollte sie vor acht Jahren auf den Schlossplatz versetzen; alternativ hätte er sie auf dem Olympiagelände aufgestellt. Aus beiden Vorschlägen sowie aus dem Olympiagelände wurde bekanntlich nichts.
Erregte Kommunalpolitiker lehnten es wenig später ab, die Säulen in den geplanten Bad Cannstatter Travertinpark zu integrieren. Sie verwiesen auf einen Antrag im Gemeinderat aus dem Jahr 2004. Die Republikaner hatten darin gefordert, die Säulen an einen „städtebaulich vorteilhaften“ Ort zu versetzen. Oberbürgermeister Wolfgang Schuster lehnte mit der Begründung ab, die seien aus denkmalschutzrechtlichen Gründen an ihrem Ort zu belassen. Die Säulen werden also folglich bleiben, wo sie sind.
Immobilienfirma ist Besitzer
In Stuttgart ist man froh um des abgelegenen Standorts für das Nazi- Denkmal, um das es künftig womöglich ruhiger wird. Erhard Lauster, Sohn des damaligen Steinbruchbesitzers Adolf Lauster, ist inzwischen tot. Er hatte zeitlebens öffentlich gegen sämtliche Gerüchte um die Säulen angeredet. Die von seinem Sohn geleitete Nachfolgerfirma verweigert jegliche Aussage zu den Säulen, zumal sie ihr nicht mehr gehören. Der neue Eigentümer, eine Stuttgarter Immobilienfirma, sieht in dem Denkmal bloß alten Stein. „Für uns ist das ein Gewerbegrundstück“, sagt Markus Vogel von R & G Schmid Immobilien, „man muss aus diesen Säulen kein Politikum machen“.



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