WIR TRAFEN IN STUTTGART KONSTANTIN WECKER UND HANNES WADER
Verwadert und verweckert
Die Musiker verbindet der gegenseitige Respekt und die Hoffnung auf eine gerechtere Welt
Stuttgart - Sie sind Liedermacher, politisch engagiert, beide wollten und wollen die Welt verändern: Hannes Wader und Konstantin Wecker haben, jeder für sich, seit den 70er-Jahren Karriere gemacht. Zurzeit touren sie wieder gemeinsam durch die Lande. Dabei könnten die ergrauten Liedermacher in mancher Hinsicht gegensätzlicher nicht sein. Lebemann Wecker ist mitunter von überschäumender Energie, der Vorzeigebayer scheut in seinen Texten keinen Pathos, haut in die Tasten, bis das Hemd völlig durchnässt am Körper klebt. Bei Wader hingegen überwiegt das Ernsthafte, das Bedächtige, die Melancholie. „Ich bin ein Eigenbrötler, ein Spätentwickler, der erst mit 50 in die Pubertät gekommen ist“, sagt der 67-Jährige bei einem gemeinsamen Besuch in der Sendung SWR 1 Leute über sich selbst. Dennoch zieht das ungleiche Gespann viel Gewinn aus ihren gemeinsamen Auftritten. Vor allem, wenn sie die Stücke des jeweils anderen anstimmen. Bei den Musikern heißt dies dann „verweckert“ oder „verwadert“, je nachdem wer welchen Titel gerade interpretiert.
Ihren Durchbruch feierten die Liedermacher in den 70er-Jahren - wenngleich mit fünfjährigem Zeitunterschied. „Ich hinke Hannes immer hinterher. Das liegt daran, dass ich fünf Jahre später geboren wurde“, ist der 62-jährige Wecker überzeugt. Was die beiden verbindet: Sie singen gegen die Saturiertheit in der Gesellschaft, klagen die Selbstgerechtigkeit der oberen Schicht an, warnen vor Fremdenfeindlichkeit und überstrotzendem Nationalgefühl. „Wir haben die gleiche Vorstellung von einer gerechteren Welt“, betont Wecker und erzählt, wie er 2003 auf eigene Faust in den Irak gefahren ist, um sich selbst ein Bild von der Lage dort zu machen. „Damals hieß es, ich sei naiv, nur weil ich in das Land gereist bin.“ Seit mehr als 35 Jahren geben beide regelmäßig Konzerte, im Jahr 2000 erfolgte die erste gemeinsame Tour der Liedermacher. „Bis auf einen Brand haben wir bis heute eigentlich alles Mögliche bei unseren Auftritten erlebt. Angefangen vom Tonausfall, über einen Betrunkenen bis zu Demonstranten vor und auf der Bühne.“ Den alkoholisierten Zuschauer habe er damals einfach gewähren lassen, sagt der 62-Jährige. Irgendwann sei dieser unter seinem Klavier verschwunden. Das Problem hatte sich von allein gelöst. Bei Weckers Konzerten konnte das Publikum allerdings auch den Absturz des politischen Barden miterleben. In Heidelberg sei er einmal mitten in einem Auftritt eingeschlafen, berichtet er. „Das passierte gegen Ende meiner schlimmsten Drogenphase.“ Statt mit Buh-Rufen habe das Publikum jedoch liebevoll auf den Vorfall reagiert. „Die meisten dachten, ich sei nur krank.“ Als er 1995 wegen Drogenbesitzes verhaftet wurde, sahen viele das Ende seiner Künstlerkarriere gekommen. Für Wecker wurde es allerdings ein Neustart im Leben.
Aus dem anfänglichen Respekt der beiden Liedermacher vor dem Werk des anderen hat sich mit den Jahren eine Freundschaft entwickelt - auch wenn die Barden mehrere hundert Kilometer entfernt voneinander leben und sich deshalb nur ab und an sehen. Während Wecker mit seiner Familie in München wohnt, hat es das Nordlicht Wader zwischenzeitlich nach Kassel verschlagen. Der „Liebe wegen“, wie er sagt. „Meine Frau arbeitet dort als Psychologin.“ Derzeit sehen sich die beiden allerdings täglich. In Stuttgart fällt heute der Startschuss für die dritte gemeinsame Tour mit dem Titel „Kein Ende in Sicht“. Die Premiere wird am Abend im Theaterhaus auf dem Pragsattel gefeiert, das Konzert ist bereits ausverkauft.



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