Ein Schwergewicht kämpft für Übergewichtige
Stephanie von Liebenstein hat die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung gegründet
Stuttgart - Lange braune Haare, leuchtend dunkle Augen, ein ansteckendes Lächeln, Kleidergröße 50/52, Bodymaß-Index (BMI) zwischen 38 und 40, ein Gewicht von etwa 115 Kilogramm - Stephanie von Liebenstein wäre auf jedem Laufsteg fehl am Platz, denn Modelmaße hat die 32-Jährige sicher nicht. Aber das stört die junge Frau wenig. Sie strahlt mit ihrem Übergewicht mehr Attraktivität aus als manches Supermodel.
Sie hat es satt, sich dafür zu schämen, dass sie etwas beleibter ist als andere. Denn Dicke seien weder doof noch undiszipliniert, so Stephanie von Liebenstein. Eine Waage besitzt sie nicht. „Ich sage mir, wer seinen IQ nicht kennt, muss auch nicht sein Gewicht kennen.“ Die 32-Jährige arbeitete in einer New Yorker Literaturagentur und kam - selbst dick - in Kontakt mit der amerikanischen Fat-Acceptance-Bewegung. Zurückgekehrt nach Deutschland, gründete sie 2005 die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung. „Das Ziel ist, die Informationslage in Deutschland zum Thema zu verbessern, auf den Ernst der Problematik aufmerksam zu machen und eine Struktur zu schaffen, die es ermöglicht, auch einzelne von Gewichtsdiskriminierung Betroffene zu unterstützen“, sagt Stephanie von Liebenstein. Sie ist Lektorin in einem geisteswissenschaftlichen Fachverlag und lebt seit 2005 in Stuttgart. Nebenbei arbeitet sie an ihrer Doktorarbeit über den dicken Körper in der englischen Literatur der frühen Neuzeit.
Als Kind sei sie nicht dick gewesen, erzählt sie und fügt hinzu: „Ich habe allerdings ab der Pubertät permanent mit dem Gewicht gekämpft.“ Erst mit 18 Jahren habe sie sich gesagt, „dass es Schwachsinn sei, seine Lebensenergie darauf zu verschwenden, dünn zu sein“. Nachdem sie aufhörte, ständig zu hungern, habe sie dann heftig zugenommen. „Mit sehr viel Sport und FDH (Friss die Hälfte) habe ich dann wieder 25 Kilo abgenommen.“ Aber wie es eben meistens ist: Es hat nicht lange angehalten. „Irgendwann habe ich gesagt: ‚Jetzt reicht‘s‘. Sich nur noch mit seinem Gewicht auseinanderzusetzen, hat keinen Sinn.“ Stephanie von Liebenstein kennt die Probleme, mit denen sich Übergewichtige auseinandersetzen müssen. Sie selbst hat zwar noch keine „ganz großen Hürden“ überwinden müssen („Glücklicherweise bin ich persönlich von den ganz krassen Erfahrungen verschont geblieben.“), nennt aber einige Beispiele: Menschen mit einem BMI über 30 werden in Deutschland in der Regel nicht verbeamtet, egal wie gesund sie sind.
Dicken Menschen wird zum Teil systematisch die private Krankenversicherung und Lebensversicherung verweigert oder sie werden gezwungen, höhere Prämien als Dünne zu zahlen.
Die chinesische Regierung verbietet seit Mai 2007 dicken Ausländern, chinesische Kinder zu adoptieren. In den USA und Großbritannien wird dicken Menschen die Adoption meist systematisch verweigert. Die Einwanderung nach Neuseeland ist auf dünne Menschen beschränkt. So ist bei Frauen ein maximales Taillenmaß von 88 Zentimeter erlaubt.
„Bis ins Jahr 2005 gab es im deutschsprachigen Raum keine Organisation, die das Problem der Diskriminierung dicker Menschen von einem gesellschaftspolitischen Standpunkt aus angegangen wäre“, sagt Stephanie von Liebenstein. Gleichzeitig sei der Druck auf Dicke in den letzten Jahren immens gestiegen, nicht zuletzt durch diverse Aktionen der Bundesregierung wie beispielsweise den Nationalen Aktionsplan „In Form“.
Keine Abnehmwunder
„Ich ärgere mich darüber, dass das Dicksein in den Medien fast ausschließlich als Problem dargestellt wird, das es abzuschaffen gilt“, sagt sie. Deshalb hält sie auch vom „Magermodelwahn“, Diäten und Schlankheitskuren nicht viel. „Allein die Zahl der Diäten, Ernährungsprogramme und Abnehmwunder beweist ja, dass keine davon funktioniert. Sie selbst unternimmt nichts gegen ihr Gewicht: „Ich habe inzwischen genügend über das Thema gelesen habe, um zu wissen, dass es keine dauerhaft wirksame Methode gibt, eine nennenswerte Anzahl an Kilos zu verlieren.“
Die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung hat deutschlandweit etwa 30 Mitglieder und Ehrenamtliche. Um Mitglied zu werden, muss man nicht dick sein. „Unser zweiter Vorsitzender ist zum Beispiel ein spindeldürrer Asiate“, sagt von Liebenstein und lacht. Es käme nur auf eines an: „Wir wollen auf die Problematik aufmerksam machen, damit die Gesellschaft vernünftig mit dicken Menschen umgeht.“
www.gewichtsdiskriminierung.de



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