Die „Spur der Erinnerung“ ist angekommen
1,5 Tonnen Farbe verbraucht - Gedenkveranstaltung endet vor dem Innenministerium
Stuttgart - Die „Spur der Erinnerung“ hat gestern ihr Ziel in Stuttgart erreicht. Insgesamt 7000 Menschen zogen in den vergangenen vier Tagen vom Samariterstift Grafeneck aus eine violette Farbspur, die am Gebäude der ehemaligen Gestapozentrale in Stuttgart endet. Mit der Aktion wurde an 10 654 Behinderte und Kranke erinnert, die während des NS-Regimes ermordet wurden.
Der weißhaarige, kleine Mann hält ein Schwarz-Weiß-Foto mit Rahmen in den zittrigen Händen. „Meine Mutter“, sagt er und zeigt auf die dunkelhaarige Frau. Armin Braun ist 95 Jahre alt und gibt mit seinem Bild an diesem Nachmittag einem der 10 654 Ermordeten ein Gesicht - und eine Geschichte. „Meine Mutter litt unter entzündeten Venen, immer wieder mussten ihr die Füße verbunden werden.“ Der Vater fühlt sich überfordert, Emilie Braun wird in verschiedenen Krankenhäusern betreut und kommt schließlich in jene Behinderteneinrichtung, die vor knapp 70 Jahren von den Nationalsozialisten zur Tötungsfabrik umfunktioniert wird. Als Armin Braun die 46-Jährige 1940 in Grafeneck besucht, weiß er nicht, dass es das letzte Mal sein wird. Drei Wochen später wird die Familie über ihren Tod informiert.Armin Braun ist am Freitag einer der wenigen Zeitzeugen auf dem Karlsplatz. Etwa 200 Menschen beobachten trotz Kälte und Nieselregen gegen 14 Uhr die Ankunft der zehn Zentimeter breiten violetten Farbspur, die vor dem Innenministerium endet. Der Ort ist bewusst gewählt: Hier entstand vor über 70 Jahren die Idee zu der großangelegten Vernichtung - vom Tatort Grafeneck in Gomadingen geht es damit an den Ort der Planungen zurück. 1,5 Tonnen Farbe wurden in den vier Tagen verbraucht, um die 70 Kilometer lange Spur bis Stuttgart zu ziehen.
Die Aktion wird den Organisatoren - der Initiative Stolpersteine und dem Bürgerrechtsforum „Die Anstifter“ - aber nicht nur wegen der Farbe an den Händen noch lange im Gedächtnis bleiben. Er sei voller Erstaunen und Dankbarkeit, dass sich 7000 Menschen beteiligt hätten, sagt Harald Habich. Der Initiator und Mitarbeiter des Stuttgarter Sozialamts verweist auf 160 Begleitveranstaltungen, in denen Gemeinden, Schulen und Bürgergruppen entlang der Strecke an die Euthanasiemorde in Grafeneck erinnerten. „Man darf nie vergessen, was alles Schlimmes passiert ist“, sagt eine Zehntklässlerin des Mörike-Gymnasiums nachdenklich.
Bis in die Abendstunden dauert die Abschlussveranstaltung auf dem Karlsplatz. Die Veranstalter lassen Tauben aufsteigen, behinderte und nichtbehinderte Jugendliche sowie Erwachsene musizieren gemeinsam auf der Bühne. Eine Läufergruppe, die die Strecke vom Samariterstift bis nach Stuttgart zu Fuß zurückgelegt hat, wird in Empfang genommen. Die Erinnerung an Grafeneck ist bei Armin Braun trotz der vielen Jahrzehnte, die dazwischen liegen, nicht verblasst. Vor einem Jahr war er nochmals dort. „Zum Abschied nehmen“, wie er sagt.



