Sonnenfinsternis als Klaus Lindemanns Sternstunde

Nach 15 Jahren verabschiedet sich Stuttgarts Touristik-Direktor in den Ruhestand - Zum heutigen Festakt werden zahlreiche Weggefährten erwartet

 

Klaus Lindemann wird heute offiziell verabschiedet. Foto: Weirauch
vergrößern

Klaus Lindemann wird heute offiziell verabschiedet. Foto: Weirauch

 

Von Andrea Eisenmann

Stuttgart - Vielleicht gab jener Moment im Büro von Manfred Rommel den Ausschlag dafür, länger als geplant in Stuttgart zu bleiben. Geradezu enthusiastisch begann der frischgebackene Geschäftsführer Klaus Lindemann dem damaligen Stadtoberhaupt zu erzählen, wie man Stuttgart national und international besser positionieren könnte. Sein Konzept trug er in einem Ordner bei sich. Bis zum Ende seines Vortrags kam er jedoch nicht. „Herr Lindemann“, unterbrach Rommel sein Gegenüber nach wenigen Minuten. „Machen Sie Ihren Ordner wieder zu. Das wird schon recht.“

 

Wir informieren Sie, sobald es zu diesem Thema Neues gibt!

Informieren| Einloggen| Registrieren

Und der Alt-OB behielt recht. Aus den sechs Monaten, die Lindemann ursprünglich bleiben wollte, wurden 15 Jahre. Jahre, in denen das Verkünden neuer Besucherrekorde fast schon zur Gewohnheit wurde. Fleiß, Engagement, diplomatisches Geschick, aber auch Hartnäckigkeit kennzeichneten den Arbeitsstil des scheidenden Touristik-Chefs. Das noch Jahre zuvor als verschlafen und bieder gescholtene „Nest im Süden“ entwickelte sich nach und nach zu einer touristischen Marke. Heute tauchen in den wichtigen Reisekatalogen unter dem Buchstaben „S“ nicht mehr nur Städte wie Salzburg und Straßburg, sondern auch Stuttgart auf. Touren in und um die Schwabenmetropole wurden intensiv beworben, ein Baustellen-Marketing eingeführt, Angebote wie die Erlebniskarte „Stuttcard“ kreiert. Stände auf internationalen Messen, die Tourist-Information i-Punkt als Anlaufstelle für Besucher und das Abklappern von Reiseveranstaltern weltweit taten ihr Übriges. Mit dem besten Ergebnis konnte der Chefvermarkter im vergangenen Jahr aufwarten: 2,7 Millionen Übernachtungsgäste wurden in Stuttgart, 6,6 Millionen in der Region gezählt. Damit haben sich die Besucherzahlen in den vergangenen 15 Jahren mehr als verdoppelt.

Als der studierte Politikwissenschaftler 1994 die Geschäfte der neuen Marketing GmbH übernahm, stand es um den Tourismus in der Schwabenmetropole nicht zum Besten. Das alte Verkehrsamt war kurz zuvor aufgelöst worden, die Besucherzahlen stagnierten. Neue Ideen und der Aufbau eines Netzwerks waren gefragt, um Stuttgart ins rechte Licht zu rücken - und die umliegenden Landkreise gleich mit. „Es war der erste regionale Marketing-Verbund, der damals aus der Taufe gehoben und seitdem häufig kopiert wurde“, erinnert sich Lindemann.

Naturspektakel lockt Besucher an

Im Jahr 1999 jagte in Stuttgart ein Großereignis das nächste. 120 000 Besucher zählte der evangelische Kirchentag, eine halbe Million Touristen verfolgten die totale Sonnenfinsternis in der Landeshauptstadt. Keiner könne das Naturspektakel so gut verkaufen wie die Schwaben, zollte die Berliner Zeitung den Marketing-Experten Respekt. Für sein Vorhaben erntete Lindemann zunächst allerdings mitleidiges Lächeln, den Verkaufswert der Verfinsterung erkannten außer ihm nur wenige. Entmutigen ließ sich der Stuttgarter Touristik-Direktor dadurch nicht. Auf mehr als 50 Messen ging er mit seinen Plänen für ein „Sonnenfestival“ hausieren.

Nicht nur die reisefreudigen Japaner bissen am Ende an. Hotels, Pensionen und Jugendherbergen waren am 11. August 1999 ausgebucht, Schulen und Turnhallen wurden zu Massenquartieren umfunktioniert. Fernsehsender aus aller Welt waren mit Kameras auf dem Schlossplatz positioniert. „Am Ende hatte man das Gefühl, die Sonnenfinsternis wäre nur in Stuttgart zu sehen.“

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 wurde der Tourismus-Chef zum Sprecher der zwölf WM-Städte ernannt. Entsprechend der Devise „der frühe Vogel fängt den Wurm“ hatten die Stuttgarter Marketing-Experten bereits vier Jahre zuvor begonnen, in jenen Ländern zu werben, deren Fußballer im damaligen Daimler-Stadion zu den Gruppenspielen erwartet wurden.

Wenn sich Lindemann Ende dieser Woche - „schweren Herzens und mit ein bisschen Wehmut“ - in den Ruhestand verabschiedet, hinterlässt er ein gut bestelltes Haus mit mehr als 50 Mitarbeitern. „Wir haben in Stuttgart eine starke Vielfalt an Einrichtungen und Veranstaltungen“, schwärmt er. „Es gibt nicht ein Bein, auf dem wir touristisch stehen, sondern ganz viele.“ Entsprechend sei ihm auch in Zeiten der Wirtschaftskrise nicht bange.

An Aufgaben wird es dem 65-Jährigen in den nächsten Wochen nicht mangeln. Ein Reiseführer über Irland ist geplant, in mehreren Gremien sei ihm eine Mitarbeit angeboten worden. Zwei Dinge hat er sich aber fest vorgenommen: „Ich werde kein Leserbriefschreiber und ich werde zu keiner Zeit die Arbeit meines Nachfolgers kritisieren.“

Heute findet die offizielle Verabschiedung von Klaus Lindemann statt. Erwartet werden OB Wolfgang Schuster, Bürgermeister Michael Föll, Regionalpräsident Thomas Bopp und Wirtschaftsminister Ernst Pfister.

Artikel vom 28.07.2009 © Eßlinger Zeitung

Artikel drucken | Artikel als Email verschicken | Themenalarm

Leser-Kommentare (0)

-› Artikel kommentieren


Alles zu Stuttgart 21

Ab jetzt hier...

 

Weiter

 

CZ und UZ

Neues aus Bad Cannstatt, den Neckarvororten und den Blick vom Rotenberg finden Sie hier: www.cannstatter-zeitung.de und www.untertuerkheimer-zeitung.de.

 

zur Cannstatter Zeitung

 

Social Media

Werden Sie Fan der EZ bei Facebook!
Was ist facebook?

 

Zur Facebook-Fanseite

 

Die EZ zwitschert aktuelle Nachrichten, Umfragen, Bildergalerien. Folgen Sie uns!

 

Die EZ bei Twitter

 

Newsticker

Inhalt wird geladen..
Inhalt wird geladen..

Bildergalerien

Fotoaktion "Urlaubsglück 2010": Urlaubsfotos hochladen und Karten für den Holidaypark gewinnen!
So machen Sie mit....

 

Zur Aktion

 

TOP-Artikel

Inhalt wird geladen..
Inhalt wird geladen..

Umfragen

Inhalt wird geladen..
 

mehr

 
Inhalt wird geladen..
 

mehr

 
 zum Seitenanfang