Schlanke Türme, schnittige Brücken
Ingenieur Fritz Leonhardt wäre morgen 100 Jahre alt geworden - Stuttgarter Fernsehturm als bekanntestes Bauwerk
Stuttgart - Mitunter lohnt es sich, auf die Gattin zu hören. Und so legte Fritz Leonhardt seiner Frau Mitte der 50er Jahre eine ganze Reihe von Entwürfen vor, von denen sie sich für einen entschied. „Frauen haben da ein viel feineres Empfinden“, wird er später wohlwollend anmerken. Das Objekt, an dem der Ingenieur zu diesem Zeitpunkt feilte, ist der Fernsehturm. Der Druck, der auf ihm lastete, war groß. Die Verantwortlichen des Süddeutschen Rundfunks hatte er geradezu bekniet, statt eines Stahlgittermastens einen Turm mit Aussichtsplattform und Café zu bauen. Nun war es an ihm, diesen Plan umzusetzen.
Die Bürger begegneten dem Vorhaben mit Skepsis. Vor einem zweiten „Turmbau zu Babel“, der den wirtschaftlichen Ruin Stuttgarts bedeute, wurde gewarnt. Die „Stadt zwischen Wald und Reben“ werde durch einen riesigen „Tele-Schornstein“ verstellt. Die Kritiker sollten sich täuschen: Der 217 Meter hohe Fernsehturm setzte bei seiner Fertigstellung im Jahr 1956 Maßstäbe - und zwar von Kiel bis China. Nach fünf Jahren hatte der Besucheransturm die Kosten von vier Millionen Mark amortisiert, die „filigrane Betonnadel“ wurde zum Wahrzeichen der Stadt und zum bekanntesten Bauwerk des Stuttgarters.
Friedrich Leonhardt wurde am 11. Juli 1909 in Stuttgart geboren. Seine Begabung war ihm in die Wiege gelegt: Der Vater arbeitete als Architekt. „Gefällt Dir dieses Objekt? Und wenn ja, warum?“, wollte dieser oft von seinem Sohn auf den gemeinsamen Spaziergängen wissen. „Ich wurde dazu erzogen, Schönheit zu analysieren“, deutete Leonhardt die Unterhaltungen.
An der technischen Hochschule Stuttgart studierte er Bauingenieurwesen, die erste Anstellung folgte 1934 in der „Obersten Bauleitung der Reichsautobahnen“. Von nun an ging es auf der Karriereleiter steil nach oben. Bei Köln-Rodenkirchen entstand nach seinem Entwurf die erste gerüstfreie europäische Hängebrücke - Leonhardt war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 29 Jahre alt. Der Untergang des NS-Regimes tat seinem beruflichen Erfolg keinen Abbruch. Bereits im Winter 1945 wurde der Ingenieur gefragt, ob er beim Wiederaufbau der Köln-Deutzer-Brücke helfen könne. Er sagte zu, ein Bauwerk nach dem anderen entstand in den folgenden Jahrzehnten. Mehrere hundert Brücken weltweit gehen heute auf Leonhardts Konto. Waghalsige Spannweiten und unzählige Höhenmeter wurden beim Bau von Hochstraßen in Karachi, bei der Konstruktion der Tejo-Brücke in Lissabon oder bei einem Fernmeldeturm in Peking gemeistert. Der Entwurf für den Deutschen Pavillon für die Weltausstellung 1967 stammt von ihm, beim Drahtseilnetz für das Münchner Olympiastadion war Fritz Leonhardt ebenfalls beteiligt. Als ordentlicher Professor wurde der Brücken-Pionier 1958 an das Institut für Massivbau der Universität Stuttgart berufen, wo er bis zu seinem Ruhestand 1974 wirkte.
Als Fritz Leonhardt am 30. Dezember 1999 im Alter von 90 Jahren starb, war ihm die Umsetzung einer Vision verwehrt geblieben: eine Verbindung zwischen Sizilien und dem italienischen Festland.



