Der Profi-Umarmer
Ingenieur Frank Hildenbrand hat bereits mehr als 2000 Menschen berührt
Stuttgart - „Ich bin Profi-Umarmer“, ruft der Mann mit den schulterlangen blonden Haaren zwei Frauen auf dem Stuttgarter Schlossplatz zu. Über seinem Kopf hält er ein Schild aus Pappe, auf das er in farbigen Großbuchstaben „Kostenlose Umarmung“ sowie die englische Übersetzung „Free Hugs“ auf die Rückseite geschrieben hat. Im Hintergrund ist ein rosafarbenes Herz zu sehen, auf dem sich zwei gelbe Hände annähernd berühren. Die Botschaft von Mr. Hug lautet: Lass dich umarmen!
Mr. Hug heißt eigentlich Frank Hildenbrand und arbeitet als Diplom-Ingenieur bei einem alteingesessenen Stuttgarter Unternehmen. Als ihn vor zwei Jahren seine Frau samt Sohn verließ, sein Vater an Krebs starb und er seinen 39. Geburtstag letztendlich allein mit seiner Mutter verbrachte, beschloss der Ludwigsburger, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Aus Frank wurde „Frankyboy“, aus dem ehemaligen Macho ein diplomierter Persönlichkeitstrainer.
Seit seiner Persönlichkeitswandlung begrüßt Hildenbrand die Menschen auf Straßen und Plätzen mit einem lebensbejahenden „Schön, dass du da bist“. Mehr als 2000 Menschen hat er bereits berührt.
Was ursprünglich als empirische Studie für seine Ausbildung zum Persönlichkeitstrainer gedacht war, kommt an: „Er ist ein offener Mensch mit einer tollen Ausstrahlung“, sagt eine 67-jährige Passantin über Mr. Hug, auf den sie auf dem Schlossplatz spontan zugegangen ist. In ihrem Alter sei es nicht mehr selbstverständlich, umarmt zu werden. „Jedwede Kreatur hat einen Urtrieb nach liebender Umarmung“, wusste bereits Hildegard von Bingen. Dieser Urtrieb des Menschen werde mit der Zeit durch die „Ellbogen-Gesellschaft“ unterdrückt, glaubt Hildenbrand: „Die meisten Menschen zeigen keine Gefühle mehr - aus Angst, verletzt zu werden.“ Deshalb öffnen auch nur fünf Prozent ihr Herz, wenn sie Mr. Hug umarmen. Die Herzöffnung ist jedoch neben dem Stressabbau sowie dem Trost- und Freudespenden das Ziel einer jeden Umarmung. „Umarmung kommt von ‚sich herzen‘, wie man es aus Märchen kennt“, erzählt der Schwabe.
Wer einmal in den Armen von Mr. Hug lag, weiß, wie gut die menschliche Geste tut. Beschreiben können es die wenigsten: „Es hat sich ganz normal angefühlt“, berichtet Michele Mariano. Der 25- jährige Italiener arbeitet in einem Friseursalon und umarmt auch manche seiner Kunden. Trotzdem würde er nicht jeden in den Arm nehmen: „Der andere muss schon gepflegt aussehen.“
Äußerlichkeiten spielen für Mr. Hug dagegen keine Rolle. Er hat keine Angst vor Berührung, Körpergerüchen oder Krankheiten. Obwohl ihn in einer Stunde auf dem Schlossplatz überwiegend Frauen umarmen, nimmt er ihre Weiblichkeit nicht wahr. „Als Mr. Hug blende ich - im Gegensatz zu meinem Privatleben - die Sexualität aus“, gesteht der Mann mit den blauen Augen.
Mit der ungewöhnlichen Aktion will Hildenbrand zwischenmenschliche Kontakte fördern und mehr Freude in die Welt bringen. Finanzielle Absichten habe er zunächst keine, sagt er. „Mir ist es egal, ob die Leute nur aus Neugierde zu mir kommen oder, um ein Erinnerungsfoto mit mir zu machen“, erklärt Mr. Hug, „Hauptsache, Sie haben anschließend ein Lächeln im Gesicht“. Im Juli geht Frank Hildenbrand mit seinem Schild „Free Hugs“ auf Europa-Tour.



Artikel kommentieren