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Eine Fabrikschule wird zum Welterfolg

Im Stuttgarter Osten wurde die erste Waldorfschule der Welt gegründet - Sitz vieler anthroposophischer Einrichtungen

 
 
 

Von Martina Fürstenberger

Stuttgart - Kinderwagen, Strampel­anzüge und Lätzchen sind in dem Laden im Erdgeschoss des Gebäudes Hackstraße 9-11 zu finden. Vor 100 Jahren jedoch wurden hier Zigaretten gedreht. Ein Schild oder einen sonstigen Hinweis am Gebäude sucht man zwar vergebens, doch Ortskundige wie Gerhard Götze vom Kulturverein Stuttgart-Ost wissen: Hier befand sich von 1908 bis 1929 die Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik. Der Name von rund 1000 Waldorf-Schulen in aller Welt geht auf diese Fabrik zurück. „Der Besitzer Emil Molt war ein sehr sozialer Mensch. Viele Frauen arbeiteten bei ihm.“ Deren Kinder sollten eine anständige Ausbildung bekommen, so entstand die Idee, eine Schule zu gründen. „Molt hatte die Idee und das Geld“, so Elmar Kurtz, der in der Verwaltung der Waldorfschule auf der Uhlandshöhe arbeitet. „Und er kannte Rudolf Steiner, den Begründer der Anthroposophie.“

Im Jahr 1919 erwarb Molt mit privaten Mitteln das Restaurant Uhlandshöhe, im September desselben Jahres wurde die Schule unter der Leitung Rudolf Steiners eröffnet, der hier sein pädagogisches Konzept entwickelte und ausbaute. Frei und eigenständig sollten die Menschen lernen und forschen.

Mehr als 900 Schüler besuchen heute auf der Uhlandshöhe die erste Waldorfschule der Welt. Selbst am Samstagnachmittag wird auf dem Bolzplatz gekickt, auf dem Hof hat sich eine Gruppe Mädchen zu einem Kreisspiel zusammengefunden. Gelächter ist zu hören, und Musik aus einem der Räume im Hauptgebäude. Dieses unterscheidet sich schon vom Äußeren her von anderen Schulgebäuden. Die Türrahmen sind nicht rechtwinklig, sondern haben gleich sechs Ecken, die Fenster sind oben abgerundet. „Organische Formgebung“ nennt Kurtz das - eine Eigenart der anthroposophischen Architektur. „Sie müssen auf die Dächer schauen“, weist er auf die außergewöhnlichen Konstruktionen hin. „Allerdings ist nicht jedes anthroposophisch gebaute Dach wasserdicht“, fügt er scherzhaft an.

Der Baustil findet sich an vielen Stellen im Stuttgarter Osten: zum Beispiel am Haus der Christengemeinschaft in der Werfmershalde. „Die Kirche entstand aus der Anthroposophie-Bewegung.“ Auch die Türen des Rudolf-Steiner-Hauses in der Straße Zur Uhlandshöhe verzichten auf „eckige Ecken“. Das Gebäude ist Deutschland-Sitz der Anthroposophischen Gesellschaft. Direkt daneben befindet sich das Eurythmeum mit dem Else-Klink-Ensemble, der größten derartigen Bühnengruppe Deutschlands, die sich zum Ziel gemacht hat, Sprache und Musik durch Bewegung auszudrücken. „An unserer Schule ist das Unterrichtsfach“, erzählt Kurtz.

Gut angesehen waren die anthroposophische Bewegung und die Pädagogik an den Schulen nicht immer. Von 1938 bis 1945 waren die Waldorfschulen von den Nationalsozialisten verboten. An der Uhlandshöhe wurde stattdessen eine Militäreinrichtung einquartiert, das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg deshalb gezielt bombardiert. Kriegsgeschichte findet sich auch vor dem Haus in der Schellbergstraße 20. Dort weist ein Stolperstein auf das Schicksal der Jüdin Klara Lehrs hin, die deportiert und ermordet wurde. Ihr Sohn, der Waldorflehrer Ernst Lehrs, wanderte nach England aus und überlebte den Krieg. „In dem Gebäude wurde nach Schließung der Waldorfschule die Hilfsklasse für behinderte Kinder weiter unterrichtet“, so Kurtz.

Noch einige mehr Einrichtungen, die auf die Philosophie Rudolf Steiners oder auf Emil Molt zurückgehen, gibt es im Stuttgarter Osten zu entdecken: zum Beispiel den Verlag Freies Geisteswesen, eine anthroposophische Buchhandlung, die GLS Bank, die nach ethisch-ökologischen Grundsätzen arbeitet, oder das Freie Jugendseminar. Zurück in den Kessel der Innenstadt geht es über Treppenanlagen: die Emil-Molt-Staffel. Hier kommt der Fabrikant doch noch zu seinen Ehren.

Ein Spaziergang auf den Spuren der Anthroposophie ist in der Broschüre „Von Waldorf-Astoria zur Waldorfschule“ des Kulturtreffs Stuttgart-Ost beschrieben, erschienen in der Reihe „Ostwege“. Der Kulturtreff bietet auch Führungen durch den Stadtteil an. Kontakt: Tel. 0711/216-8105, Internet: www.kulturtreff-stuttgart-ost.de.

 

Artikel vom 16.05.2009 © Eßlinger Zeitung

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