Wenn die Zunge Saltos schlägt

Der Wahl-Stuttgarter Marcel Nguyen bereitet einigen Hallensprechern zwar Schwierigkeiten, den Zuschauern aber jede Menge Freude

 

Bewegungstalent: Marcel Nguyen turnt beim DTB-Pokal ins heutige Finale und startet zudem morgen als einer von drei Deutschen bei der lukrativen Champions Trophy. Foto: Rudel
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Bewegungstalent: Marcel Nguyen turnt beim DTB-Pokal ins heutige Finale und startet zudem morgen als einer von drei Deutschen bei der lukrativen Champions Trophy. Foto: Rudel

 

Von Beate Wockenfuß

Stuttgart - Sein Name kommt Hallensprechern und Fernsehkommentatoren meist nicht ganz so locker über die Lippen. Doch sie sind gut beraten, die Aussprache verstärkt zu üben, denn Marcel Nguyen wird in nächster Zeit noch öfter von sich reden machen. Dabei können die Profis an den Mikrofonen noch froh sein, dass der 22-Jährige nicht auf die ausführliche Version seines Namens besteht, sondern die Kurzform ausreicht. Denn der vollständige Name Marcel Van Minh Phuc Long Nguyen würde sie und ihre Zungen sicherlich vor weitaus größere Probleme stellen.

 

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Dem Stuttgarter Publikum ist der Sohn eines Vietnamesen und einer Deutschen bestens bekannt. Schließlich gehörte er bei der WM 2007 in der Schleyerhalle zur deutschen Bronze-Riege, und kurz danach verpasste er beim DTB-Pokal in der Porsche-Arena als Vierter am Barren nur hauchdünn das Treppchen. Heute hat der gebürtige Bayer die Chance, es besser zu machen. Nguyen schaffte gestern als Zweiter der Qualifikation erneut den Einzug in das Barren-Finale der besten Acht. Dort wird er wieder mit dem Tsukahara-Abgang auftrumpfen, einer Höchstschwierigkeit, die weltweit nur wenige Turner beherrschen. Die Finals am Boden (10. Platz) und am Reck (9.) erreichte er nicht.

Morgen (13.30 Uhr) werden ihn die Zuschauer zudem als Sechskämpfer erleben. Im Finale der Champions Trophy will der 22-Jährige noch mal angreifen, auch wenn er keine Chancen mehr auf den Gesamtsieg und den Mercedes SLK 200 hat. „Es macht riesigen Spaß, bei der Trophy zu turnen. Das begeisterte Publikum, die Spannung - einfach top. Ich hoffe, die Serie gibt es nächstes Jahr wieder“, sagt Nguyen, der nach drei Wettbewerben mit elf Punkten auf Platz sechs liegt.

Wegen Schulterproblemen musste er auf die zweite Station verzichten und zuschauen, wie die Konkurrenz punktete. „Das war ärgerlich, dass ich Berlin verpasst habe, sonst wäre jetzt vielleicht noch mehr für mich drin“, trauert er der Nobelkarosse und dem entgangenen hohen Preisgeld etwas nach. Schließlich hatte er zum Auftakt der Trophy beim Deutschen Turnfest im Juni in Frankfurt mit Platz zwei hinter Primus Fabian Hambüchen überrascht und dabei so manchem internationalen Hochkaräter die Show gestohlen. Zuletzt in Hannover war er Fünfter.

Aus dem Bayern ist übrigens schon längst ein Wahl-Schwabe geworden. Nach seinem Abitur vor zwei Jahren ist Ngyuen vom beschaulichen Münchner Vorort Unterhaching nach Stuttgart gezogen. Aus dem elterlichen Nest in eine Männer-WG. Mitten in der City. Gemeinsam mit seinem Trainingskollegen Anton Wirt, mit dem er auch gerne in den Einkaufsmeilen unterwegs ist. Nguyen legt sehr viel Wert auf sein Äußeres, die markante Frisur ist stets top gestylt, an den Ohren glitzern silberne Sterne. Bei den weiblichen Fans kommt der junge Athlet mit dem schüchtern wirkenden Lächeln gut an. Davon zeugen zahllose Liebesbekundungen im Gästebuch seiner Homepage.

Als Sportsoldat kann sich der 22-Jährige voll und ganz auf den Leistungssport konzentrieren. Zwei Mal täglich feilt er mit Hilfe seines Trainers Valeri Belenki im Kunstturnforum an seinen Übungen. Unter Belenki ist der einstige Barren-Spezialist zum Sechskämpfer gereift. Bei den deutschen Meisterschaften im Juni sicherte er sich hinter Hambüchen die Silbermedaille. Nach dem verletzungsbedingten Aus seines Teamkollegen im Oktober bei der WM in London war er der einzige deutsche Allrounder und wurde Zwölfter. Ausgerechnet ein Sturz von seinem Paradegerät Barren kostete ihn wertvolle Punkte. „Ich hätte zwar gerne die Top Ten erreicht, aber mit dieser Platzierung war ich auch zufrieden“, sagt Nguyen.

„Asiatische Leichtbauweise“

Er hatte sich schon früh als Bewegungstalent entpuppt. Durch das Mutter-Kind-Turnen kam er als Vierjähriger beim TSV Unterhaching auf den Geschmack. Drei Jahre später begann er mit dem Leistungssport. „Er besitzt die Vorteile eines Turners mit asiatischer Leichtbauweise“, sagt Bundestrainer Andreas Hirsch über den nur 1,62 Meter großen und gerade mal 51 Kilogramm leichten Athleten. Die asiatischen Vorfahren leben inzwischen in den USA und Nguyen kann sich durchaus vorstellen, später mal dort zu studieren. Aber bis dahin wird sein Name noch durch so einige Hallen hallen - ohne, dass die Zunge dabei Saltos schlägt.

Artikel vom 14.11.2009 © Eßlinger Zeitung

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