Der Reformator und die Trägheit der Masse
Der frühere Bundestrainer Vlado Stenzel kämpft auch in Esslingen für einfachere Handball-Regeln
Esslingen - Für Holger Fleisch und Jürgen Rieber war es so etwas wie das höchste erlangbare Lob. „Die haben gut gepfiffen“, sagte Vlado Stenzel über das Handballschiedsrichter-Duo aus Nellingen, fügte dann aber - fast ein bisschen über sich selbst erschrocken - an: „Die haben mich überrascht.“ Ansonsten sind von dem früheren Bundestrainer, der die deutsche Nationalmannschaft 1978 in Kopenhagen zum Weltmeistertitel geführt hatte, üblicherweise Sätze zu hören wie dieser: „Die Schiedsrichter entscheiden das Spiel, nicht die Sportler.“
Am Freitag wurde Stenzel 76 Jahre alt. Doch statt zuhause in Wiesbaden zu feiern, kam der Kroate nach Esslingen zum Marktplatzturnier, wo er in den 60er-Jahren schon mal mit Medvescak Zagreb im Finale stand. Er kam, um Handball zu sehen, um über Handball zu diskutieren - und um für seine Ideen zur Reformation seines geliebten Sports zu werben. Denn das tut er unermüdlich und und so leidenschaftlich, wie er früher an der Seitenlinie mitlebte. Handball war sein Sport, Handball ist sein Sport. Aber wenn es nach ihm ginge, wäre der Handball der Zukunft nicht mehr der der Gegenwart. „In Deutschland ist Handball populär, aber fragen sie die Leute in anderen Ländern mal danach“, sagt er. „Da kennen sie Basketball und Fußball, aber nicht Handball. Unser Sport muss bekannter werden.“ Er wird konkreter: „In Amerika kommen wir nicht durch, in England nicht und auch nicht in Bayern - da sind die Leute etwas simpler gestrickt.“ Heißt für Stenzel: Die Regeln müssen nachvollziehbarer sein, damit sich der Sport auch dort durchsetzt. Württemberg hat der selbst ernannte Handball-Forscher höflicherweise bei der Beschreibung der Handball-Diaspora ausgenommen. Auf Nachfrage wird er aber auch hier deutlich: „Es gibt Göppingen und ein bisschen Balingen, aber ansonsten ist in Süddeutschland praktisch kein Leistungshandball vorhanden, das ist Überlebenskunst.“ Der Mann hat seine Meinung, und er vertritt sie.
Vorbilder Fußball und Basketball
Und er macht Vorschläge. Zum Teil sind sie ziemlich radikal. Sein Ausgangspunkt: „Es gibt keine Ballsportart, bei der es so viele Regeln gibt, nach denen man so oder so pfeifen kann.“ Also müssen sie vereinfacht und teilweise ganz abgeschafft werden. Als Vorbilder dienen Stenzel die Sportarten, die es weltweit zu mehr Popularität geschafft haben und seiner Meinung nach präziser sind: „Die Regeln, die man vom Fußball und vom Basketball übernehmen kann, muss man übernehmen.“ Beispielsweise ist er für die Einführung der Vorteilsregel - wie im Fußball. Und dafür, dass nur im Angriff gewechselt werden darf - wie im Basketball. Zudem fordert er die Abschaffung des Zeitspiels („die blödeste Regel überhaupt“) und des „Mists mit den Zweiminutenstrafen“. Der frühere Torhüter hat noch unzählige weitere Ideen auf Lager, die er zum Teil schon mit Mannschaften ausprobiert hat.
Stenzel bekommt in der Szene Gehör, weil es Stenzel ist, der „Magier“, der so viel für den deutschen Handball getan hat. So sagt er selbst und nicht ganz zu Unrecht: „Ich denke, dass es auch mein Werk ist, dass Deutschland heute in der Welt-spitze ist. Ich habe etwa die eingleisige Bundesliga durchgesetzt.“ Aber im Gegensatz zu früher („alles was ich wollte, habe ich geschafft“) bekommt er heute vor allem Ablehnung für seine Vorschläge. „Vlado, das war nix“, schreibt etwa ein Handball-Fan in einem Internet-Forum. Der Reformator zuckt mit den Schultern und haut wieder einen Spruch raus: „Ich habe nicht erwartet, dass die Masse intelligent ist. Die meisten denken mit den Muskeln und sind zu sehr im System.“ Er selbst, gibt er zu, wurde auch erst zum Handball-Theoretiker, nachdem er sich von der vordersten Trainerreihe verabschiedet hatte.
„Heiner Brand ist meiner Meinung“
Stenzel aber ist Optimist und glaubt weiter fest daran, den Handball voranbringen zu können. „Seine Zeit ist vorbei“, hat der jetzige Bundestrainer Heiner Brand mal über seinen früheren Nationalcoach gesagt. Der aber winkt ab und grinst: „Heiner ist meiner Meinung, auch wenn er es nicht offen sagt.“ Und er ist überzeugt: „Durch meine Schimpferei hat sich schon ein bisschen geändert.“ So oder so bleibt es der Sport, der sein Leben ist. „Die Spannung ist es, die den Handball ausmacht“, sagt Stenzel mit leuchtenden Augen, die sich dann noch mal verfinstern: „Aber die Spannung machen die Schiedsrichter.“ Vielleicht mit Ausnahme von Holger Fleisch und Jürgen Rieber.



Artikel kommentieren