Im Dienste des Spiels
Die baden-württembergischen Handballverbände rufen das „Jahr des Schiedsrichters“ aus
Esslingen - Den drei in Baden-Württemberg organisierten Handball-Landesverbänden steht das Wasser in Sachen Schiedsrichter bis zum Hals. Überall fehlt es an geeigneten Kandidaten an der Pfeife, viele Unparteiische vor allen Dingen in den unteren Klassen sind überlastet, weil sie pro Wochenende bis zu vier und mehr Partien leiten - da sinkt natürlich die Qualität. Zwar sind die Neulingslehrgänge gut besucht - auch weil die Verbände den Vereinen die Pistole auf die Brust setzen, allerdings liegt die Aufhörerquote nach einem Jahr bei 80 Prozent.
Diese Entwicklung ist aber kein rein süddeutsches Problem, sondern bundesweit zu beobachten. „Wenn wir jetzt nichts unternehmen, werden wir bald nicht mehr spielen können“, bestätigt Peter Rauchfuß, seines Zeichens Schiedsrichterwart beim Deutschen Handballbund (DHB) und selbst langjähriger Unparteiischer auf nationalem und internationalem Parkett.
Aufgrund dieser alarmierenden Entwicklung rufen der Württembergische (HVW), der Badische und der Südbadische Verband das Jahr 2010 als „Jahr des Schiedsrichters“ aus. Frei nach dem Motto „Im Dienste des Spiels“ sollen die Aufhörerquote minimiert und vor allem mehr junge Leute dazu motiviert werden, einen Schiri-Schein zu machen. „Das Problem liegt an der Basis“, sagt Bernd Andler, Projektleiter Entwicklung des Schiedsrichterwesens beim HVW. Junge Schiedsrichter werden nach ihrem Lehrgang ins kalte Wasser geworfen und müssen meist ohne Unterstützung ihren Mann oder ihre Frau auf dem Spielfeld stehen. „Der Respekt ist verlustig gegangen“, erklärt Rauchfuß: „Was man in den unteren Klassen oder im Jugendhandball erlebt, ist teilweise menschenverachtend.“ Vor allem Eltern beleidigen junge Schiedsrichter bei unpopulären Entscheidungen. „Aber junge Leute machen eben Fehler, nur so können sie Erfahrung sammeln“, sagt der DHB-Schiedsrichterwart.
„Du rockst das Feld“
Neu ist die Entwicklung freilich nicht, jetzt soll mit frechen Slogans und einem eigens komponierten Hip-Hop-Song (Textauszug: „Schwarzer Mann, du rockst das Feld, an deinem Job ist echt was dran. . .“) um den Nachwuchs gebuhlt werden. „Wir sind bei der Aktion bewusst auf die Jugendsprache gegangen und wollen weg vom reinen Regelwächter hin zum Spielleiter“, sagt Andler. Der HVW will dabei konstruktiv an die Basis gehen. Bis zum Sommer soll die Aktion über die Schiedsrichter in die Vereine getragen werden, Vereine können beim HVW ein „Starterpaket“ bestehend aus Flyern, Plakatvorlagen, Buttons, dem Song und vielem mehr ordern. Oder Unterstützung vom Verband anfordern. „Wir sind bereit, direkt in die Vereine zu gehen und mit der Präsenz von hochklassigen Schiris zu helfen“, so Andler. Auch unter den Schiedsrichtern soll zum Beispiel mit eigenen Auswahlmannschaften einem neuen „Wir“-Gefühl auf die Sprünge geholfen werden.
Die beiden Vorzeige-Unparteiischen des Bezirks, Holger Fleisch und Jürgen Rieber - das Gespann des TV Nellingen hat aktuell 477 Einsätze in der Bundesliga und 80 internationale vorzuweisen - waren mit in die Entwicklung des Projekts „Im Dienste des Spiels“ involviert und stellen sich als Vorbild zur Verfügung. „Es ist wichtig, zu zeigen, dass man als Schiri nicht das fünfte Rad am Wagen ist“, sagt Fleisch. „Wir müssen schon bei der Ausbildung andere Wege gehen, um die Neulinge zu stärken“, fordert Rieber: „Es ist leichter, vor 5000 Leuten zu pfeifen, als vor 50 - da hörst du nämlich jedes Wort.“



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