Leben aus der Hoffnung
Der Tübinger Theologe Jürgen Moltmann feiert heute seinen 85. Geburtstag - Kritik an Reaktion der Politik auf Atomkatastrophe in Japan
Tübingen (epd) - Jürgen Moltmann hat Theologie nie im Elfenbeinturm betrieben. Immer wieder hat der Hanseat, der zu den bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts gezählt werden darf, zu gesellschaftlichen Fragen Stellung bezogen. - Erst jüngst kritisierte er die Reaktion der Politik auf die atomare Katastrophe in Japan: „Es regt mich auf, was in den Köpfen mancher Politiker vorgeht. Kluge Menschen lernen durch Einsicht, dumme durch Katastrophen.“
Heute wird der in Tübingen lebende emeritierte Professor 85 Jahre alt. Krieg und Gefangenschaft haben den Theologen geprägt. Als Flakhelfer im Zweiten Weltkrieg erlebte er den Tod eines Schulfreundes aus unmittelbarer Nähe. „In dieser Nacht habe ich zum ersten Mal in meinem Leben nach Gott geschrien und mein Leben in Gottes Hände gelegt“, schreibt der evangelische Theologe in seiner Autobiografie. In britischer Kriegsgefangenschaft setzt sich Moltmann, der aus einer atheistischen Lehrerfamilie stammt, intensiv mit der Bibel auseinander. Große Bekanntheit erlangt Moltmann in den 1960er-Jahren durch seine „Theologie der Hoffnung“. Ein Buch, in dem er in Auseinandersetzung mit dem jüdischen Philosophen Ernst Bloch die christliche Hoffnung für die Erneuerung von Kirche und Gesellschaft fruchtbar macht. „Die Hoffnung ist eine Kraft im Diesseits, um das Leben neu anzufangen“, hat er das einmal beschrieben.
Binnen kürzester Zeit wird seine „Theologie der Hoffnung“ weltweit in mehrere Sprachen übersetzt. 1968 beschäftigt sich auch der „Spiegel“ mit dem Theologen: „Moltmann propagiert ein umstürzlerisches, gesellschaftsveränderndes - wie er sagt, ursprüngliches - Christentum und offeriert damit Christen und Kirchen eine Theologie, die zu aktiven, ja aggressiven Auseinandersetzung mit der politischen Gegenwart ermächtigt und anfeuert.“
Christlicher Glaube, so die Überzeugung Moltmanns, hat stets gesellschaftliche Relevanz. Während des Prager Frühlings nimmt der Theologe in der Tschechoslowakei daher am christlich-marxistischen Dialog teil. Später äußert er sich zu Fragen der Ökologie, engagiert sich in der Ökumene und in jüdisch-christlichen Gesprächen. Nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center 2001 in den USA kritisiert er den dabei zum Ausdruck kommenden lebensvernichtenden Nihilismus.
Als Professor für Dogmengeschichte arbeitet der Theologe zunächst an der kirchlichen Hochschule in Wuppertal, ehe er 1963 nach Bonn berufen wird. Von 1967 bis zu seiner Emeritierung 1994 lehrt er in Tübingen, wo er bis heute lebt. Zahlreiche Vortragsreisen hat Moltmann, der mit der feministischen Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel verheiratet ist und vier Kinder hat, in alle Welt unternommen.
Moltmann betrieb stets eine engagierte Theologie. In seinem Buch „Der Gekreuzigte Gott“ entfaltete er 1972 eine Theologie nach Auschwitz und fragt nach der Bedeutung des Todes Christi für die Gegenwart. Gedanken, die wie auch schon seine „Theologie der Hoffnung“ Eingang in die Befreiungstheologie Lateinamerikas fanden. Zuletzt veröffentlichte er im vergangenen Jahr seine „Ethik der Hoffnung“, in der er die Grundlinien ethischen Handelns beschreibt. Jürgen Moltmann hat zahlreiche Auszeichnungen und mehrere Ehrendoktortitel erhalten. Die Stadt Ludwigshafen verlieh ihm etwa 1995 den Ernst-Bloch-Preis.
Ihm Jahr 2000 wurde er mit dem US-amerikanischen „Grawemeyer Religion Award“ geehrt: Moltmann gelte als „einer der aufregendsten und angesehensten Theologen der Welt“, hieß es in der Begründung des renommierten, mit 200 000 Euro dotierten Kulturpreises. 2001 erhielt der Jubilar vom damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Erwin Teufel die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg „Meine theologische Tugend“, hat der Theologe einmal gesagt, „war nicht Demut, sondern nur die Neugier und Fantasie für das Reich Gottes“.



Artikel kommentieren