Das Subversive in der Kunst
ESSLINGEN: Stephanie U. Bart liest bei den Zeitgenossen aus „Goodbye Bismarck“
Wann war das nochmal, als sich Otto von Bismarck und Helmut Kohl getroffen haben? Geht gar nicht? In der Kunst geht alles, selbst das. Stephanie U. Bart blickt in ihrem Roman „Goodbye Bismarck“ zurück auf ein wahres Ereignis im Jahr 1990. Damals setzten zwei zunächst Unbekannte dem Hamburger Bismarck-Denkmal eine Kohlmaske auf. Zu Gast war Stephanie U. Bart jetzt in der Buchhandlung die Zeitgenossen.Mehr als 600 Denkmäler erinnern an den ersten Reichskanzler in Deutschland. Das Allergrößte von ihnen steht auf einem Hügel in Hamburg und misst stolze 35 Meter in der Höhe, wurde 1902 bis 1906 erbaut und zeigt Bismarck als mittelalterliche, unerschütterlich wuchtige Rolandfigur. Hamburg aber war erschüttert, als am Tag der deutschen Einheit im Jahr 1990 der Kopf der Monumentalskulptur mit einer rosa fleischfarbenen Haube überzogen war. Auf dieser Hülle prangte weithin sichtbar das Konterfei jenes Mannes, der kurz zuvor großzügig „blühende Landschaften“ versprochen hatte.
Präzise Sprache
Stephanie U. Bart war zu dieser Zeit gerade in Hamburg: „Ich habe es gesehen, sozusagen live und in Farbe.“ Das Thema habe sie berührt und etwas ins Schwingen gebracht, erzählt sie rückblickend. 2009 schließlich erschien ihr Roman „Goodbye Bismarck“, eine „Hommage an die Flüchtigkeit der Kunst“, so Bart. Sie habe viel und sauber recherchiert und „nackte Tatsachen“ verarbeitet. Manche von ihnen sind aber mit Absicht verdreht, anderes ist reine Erfindung. So wird ihr Roman zu einer Collage aus Realität und Phantasie, einer Art Objektkunst, in der bereits Vorhandenes in einen neuen Kontext eingebettet wird.
Geboren wurde Stephanie U. Bart in Esslingen, sie lebt in Berlin und ist derzeit im Rahmen der Aktion „Artgerechte Haltung Bildender Künstler“ zu Gast im Bahnwärterhaus in Esslingen.
Ihre Sprache ist immer präzise, manchmal auch distanziert deskriptiv und trocken. Dabei zeigt sie immer wieder ihre Lust am Klang der Wörter und am Fabulieren. In ihrer Lesung reißt sie die Handlung gekonnt an, blättert Handlungsstränge auf und stellte die sehr sympathischen Protagonisten vor. Herrlich jene Rückblende ins Jahr 1980, als Jens und Ulrich mit ihren Passauer Freunden den politischen Aschermittwoch der CSU in der Nibelungenhalle mit ihren „So-ist-es“ - Schildern in wilden Aufruhr versetzen und eine Biermaß in imaginärer Zeitlupe waagrecht und eine Bierspur hinterlassend durch die Luft fliegt. Denn die versammelten Strauß-Anhänger ertragen es nicht, dass die Roten Recht haben könnten.
Mit viel Einfühlungsvermögen stellt Bart auch den Leiter des Denkmalamtes und seine Frau vor. Letztere ist Archivarin und Sammlerin ephemerer, also vergänglicher Kunst und ausgesprochen begeistert von dem Denkmal mit Kohlhaube. Und der Denkmalschützer selbst überlegt, wie er die Haube möglichst lange dort belassen kann, wo sie gerade ist. Bart gelingt ein Sittengemälde der Gesellschaft in Deutschland im Jahr 1990 und sie zeigt dass und wie auch vergängliche Kunst nachhaltig wirken und viel bewegen kann.



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