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Bekenntnisse eines Poeten

Nachdenklicher Bohemian: Leonard Cohen gibt ein vielumjubeltes Konzert in der Stuttgarter Schleyerhalle

Im Herbst seiner Karriere in Hochform: Leonard Cohen beim Konzert in der Stuttgarter Schleyerhalle.Foto: Bulgrin
 

Im Herbst seiner Karriere in Hochform: Leonard Cohen beim Konzert in der Stuttgarter Schleyerhalle. Foto: Bulgrin

 

Von Ole Detlefsen

Stuttgart - Wollte man die Stimmung der Songs von Leonard Cohen einer Jahreszeit zuordnen, so käme wohl am ehesten der Herbst in Betracht. Die melancholische Schwere seiner Balladen erzeugt Bilder von Landschaften, über denen sich ein wolkenverhangener Himmel wölbt. Eine einsame Seele blickt gedankenverloren in die Weite, den Kragen des Jacketts hochgeschlagen, den Hut tief ins Gesicht gezogen. Ein wenig erinnert diese Traumfigur an Leonard Cohen, der am Bühnenrand der Schleyerhalle steht. Konzentriert, ganz bei sich, rezitiert er mit tiefer, monotoner Sangesstimme seine Poeme zu den düsteren Klängen, die ihm den Status des Depri-Barden einbrachten. Ja, der Poet ist selbst im Herbst des Lebens angekommen, vor wenigen Tagen feierte er seinen 76. Geburtstag.

Exzellenter Sound

Er hat ein bewegtes Leben hinter sich. Mit 22 Jahren veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband, nur sieben Jahre später, 1963, wurde er mit seinem Roman „The favourite game“ als literarische Hoffnung gefeiert. Der Kultstatus des frauen- und freiheitsliebenden Romanciers gefiel Cohen gut, doch er sah in der Vertonung seiner oftmals erotisch angehauchten Liebeslyrik die größere Zukunft. Dieses Gespür täuschte ihn nicht, denn er eroberte mit seiner Musik nicht nur die Plattenteller der Damenwelt. Den Stil des nachdenklichen Bohemians hat er beibehalten. Schlank ist er, der dunkle Anzug und der Borsalino, den er auf dem Kopf trägt, verleihen ihm die Würde des alternden Gentleman, der jedoch keine Spur von Gebrechlichkeit zeigt, sondern ein dreistündiges, in mehrfacher Hinsicht zutreffendes „Best of“ abliefert. So wird bereits mit den ersten Tönen von „Dance Me To The End Of Love“ in der Schleyerhalle eine neue Zeitrechnung eingeläutet. Selten war der Sound dort so klar, waren die Instrumente und der Gesang so exzellent abgemischt.

Neben den Könnern, die es verstehen, mit der Technik umzugehen, hat Cohen auch Ausnahmemusiker in seiner Crew, die gleichermaßen durch Solovariationen faszinieren als auch durch die perfekte Eingliederung ins Bandkollektiv. Die Virtuosität des Flamenco-Gitarristen Javier Mas und die Spielfreude des Multi-Instrumentalisten Dino Soldo werden von den 8500 Zuschauern immer wieder mit Szenenapplaus quittiert. Schlagzeuger Rafael Gayol und Bassist Roscoe Beck sorgen für eine unaufdringliche Rhythmik, geben ihren Mitspielern Neil Larsen am Keyboard und Bob Metzger an der Gitarre Raum. Durch das Zusammenwirken der Band und die ausgefeilten Arrangements bekommen die im Original oft nur spärlich instrumentierten Stücke mehr Volumen, wirken fast dreidimensional. „Chelsea Hotel“, Cohens Hommage an seine Liebelei mit Janis Joplin, gewinnt durch seine Entschleunigung ebenso wie „So long Marianne“, das von seinem schrillen Backgroundgesang befreit wurde.

Das letzte Mosaiksteinchen des musikalischen Großereignisses bildet die geschickte Song-Auswahl. Cohen hat in seinem langen musikalischen Wirken ein Repertoire an Hits erarbeitet, die an einem solchen Abend nicht fehlen dürfen. Das mit religiösen Metaphern bespickte „Susanne“ zum Beispiel. Oder „Hallelujah“ und „First We Take Manhattan“. Cohen führt durch alle Stimmungsphasen seines Schaffens, seine Biografie kann in Kürze nicht erzählt werden. Selbst nach drei Stunden hat der Entertainer noch viel zu sagen. Dabei hätte das engelsgleiche „If It Be Your Will“, das von den Backgroundsängerinnen Charlie und Hattie Webb allein mit Gitarren- und Harfenbegleitung vorgetragen wird, den Weg aufgetan, um im Verzückungshimmel anzukommen. Doch Cohen schätzt das Ritual, und so wird der Abschied von der Bühne zur Zeremonie. Mit „Closing Time“, „I Tried to Leave You“ und „That's No Way To Say Good Bye“ entlässt er seine „Friends“ in die Nacht, die trotz des erwärmenden Programms feststellen müssen, dass auch hier der Herbst angekommen ist.

 

Artikel vom 04.10.2010 © Eßlinger Zeitung

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