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Kosmos von Tönen

Isabelle Faust mit Johann Sebastian Bachs Solowerken für Geige

  Isabelle Faust spielt Bach mit ihrer Stradivari. Foto: Felix Broede
 

Isabelle Faust spielt Bach mit ihrer Stradivari. Foto: Felix Broede

 

Von Dietholf Zerweck

Stuttgart - Das Musikfest-Motto „Nacht“ lässt sich zwar in Johann Sebastian Bachs konstruktiv klarsichtigen Solowerken schwerlich aufspüren. Doch bei den Bach-Nächten des diesjährigen Musikfests erlebt der Zuhörer zumindest temporär ein Gefühl nächtlicher Kommunikation mit einer Art von Musik, deren Absolutheitscharakter einen ganzen Kosmos von Tönen zur Erscheinung bringt. Die Aufführungsorte sind gut gewählt. Im ­Feuersee im Stuttgarter Westen etwa spiegelt sich schon für den ankommenden Besucher die nächtlich erleuchtete Kulisse der neugotischen Johanneskirche, wo Isabelle Faust den spätabendlichen Bach-Zyklus mit den Partiten und Sonaten für Solovioline einleitete. Dort wird auch der Gambist Vittorio Ghielmi am 13. September mit seinem Ensemble Bachs „Kunst der Fuge“ aufführen. In der Schlosskirche kommen die „Goldberg-Variationen“ (3. September) und Lautenwerke (7. September) zu Gehör, Mischa Maisky wird an zwei Abenden (16./17. September) in der Stiftskirche Bachs Cello-Suiten musizieren. Beginn ist jeweils um 22 Uhr.

Physische und psychische Leistung

Isabelle Faust überzeugte im stimmigen, akustisch durch leichten Nachhall vorteilhaften Innenraum der Johanneskirche durch technische Meisterschaft und interpretatorische Ausgewogenheit. Wenn die 38-Jährige am ersten Abend Bachs viersätzige g-Moll- und a-Moll-Sonaten und dazwischen die erste, achtteilige Partita ohne Pause, aber mit voller Konzentration auf jedes Detail spielte, ist das allein schon eine bewundernswerte physische und psychische Leistung. Doch wirkte Faust dank ihrer musikalischen Intelligenz auch in der Gestaltung dieser Solowerke - im Gegensatz zu ihren manchmal spröde und nüchtern erscheinenden Auftritten mit Violinkonzerten der Romantik - höchst souverän. Den ersten Akkord des Adagios der g-Moll-Sonate lässt sie so schwebend in das Kreuzrippengewölbe aufsteigen, als sinne sie ihm nach. Fuge und Siciliana sind organisch entwickelt, im Presto wird die virtuose Geläufigkeit nicht mechanisch, sondern mit dynamischem Furor artikuliert.

In der Allemanda der h-Moll-Partita betont die Geigerin die spannungsvollen Kontraste zwischen tänzerischen Synkopen und affektgeladenen Haltetönen, in der Sarabanda lotet sie den harmonischen Horizont mit ausdrucksvollen Akkordgriffen aus, Corrente und Borea sind musikantisch akzentuiert. Die sogenannten Doubles (Varianten) dazwischen spielt Faust in weit gespannten, linearen Bögen. Der Grave-Beginn der a-Moll-Sonate wird klanglich stark differenziert bis hin zur Schwerelosigkeit der Töne, im Andante erzeugt Faust auf ihrer „Dornröschen“-Stradivari subtile Echowirkungen, und mit dem vir­tuosen Feuerwerk des Allegro-Finales kam diese erste Bach-Nacht zu einem eindrucksvollen Schluss.

 

Artikel vom 01.09.2010 © Eßlinger Zeitung

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