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Die heimlichen Herrscher von Paris

Die Stuttgarter Staatsgalerie zeigt die Seine-Metropole in Zeichnungen und Fotografien des 19. Jahrhunderts

  Etienne Moreau-Nélaton: Paris von den Türmen der Kirche Notre-Dame aus gesehen (um 1900).Foto: Staatsgalerie
 

Etienne Moreau-Nélaton: Paris von den Türmen der Kirche Notre-Dame aus gesehen (um 1900). Foto: Staatsgalerie

 

Von Elke Eberle

Stuttgart - Hoch über den Dächern von Paris tummeln sich die Teufel, einige von ihnen sind possierlich und tragen Engelsflügel, andere protzen mit verzerrten Fratzen. Anders als der Titel der neuen Schau im Graphik-Kabinett der Stuttgarter Staatsgalerie vermuten lässt, steht aber nicht die Figur des Teufels selbst im Mittelpunkt, sondern der Wandel der Stadt Paris. Wieder einmal ist ausgehend vom Bestand der Graphischen Sammlung eine feine Schau mit vielen Querverweisen geglückt. Sie zeigt ein vielgestaltige Metropole des 19. Jahrhunderts, ihre Architektur und Menschen, ihre Lebensweise und Probleme - letztere vorwiegend in sehr amüsanten Karikaturen von Honoré Daumier.

„Le Diable à Paris“

Ausgangspunkt und Namensgeber der Schau ist das damals sehr populäre, zweibändige Werk mit dem Titel „Le Diable à Paris“ von 1845/46. Gezeigt wird in der Ausstellung unter anderem das Frontispiz. Dort steht ein bocksbeiniger, aber sonst reichlich menschenähnlicher Teufel breit über einem Stadtplan von Paris. Er hat von König Satan höchstpersönlich den Auftrag erhalten, das Leben in Paris zu beschreiben. Dazu bedient er sich einiger Texte von Honoré de Balzac, von Gautier und anderen. Selbstverständlich ist das Buch auch illustriert und den Illustratoren Paul Gavarni und Bertall gelingt ein ebenso ansprechendes wie humorvolles Sittengemälde. Zu seinem Leidwesen findet am Ende der Teufel nicht die von ihm erwartete Anerkennung - er wird verbannt.

Im Buch selbst ist der Schnitt durch ein Haus zu sehen, hoch über dem ersten Stockwerk, der bel étage, wohnen die Künstler. Zum einen ein armer Poet à la Spitzweg, der bereits 1839 einen verarmten Dichter unterm Regenschirm im Bette liegend zeigt, dazu Maler, die nicht vor Freude oder aus Lust, sondern vor Kälte tanzen. Auch Honoré Daumier karikiert die brotlose Kunst, etwa 1833 und 1845. Gemein ist allen drei Miniaturen die Pose der frierenden Tänzer, sie berühren einander in grotesker Verrenkung an den Fußspitzen mit hoch erhobenem linkem Bein.

Daumiers spitzfindige Zeichnungen sind die Glanzpunkte dieser Ausstellung. Sie stecken voller Anspielungen und greifen die Themen der Zeit auf sehr kluge Weise auf. Er hält den Großstädtern und ihren Besuchern den Spiegel unerbittlich vor die Nase, etwa in jenen herrlichen Blättern, in dem zwei Halbweltdamen mit ausladenden Röcken versuchen, eine Kutsche zu besteigen, oder in denen zwei Provinzlerinnen misstrauisch ihre Garderobe mustern. Dabei ist sein Strich stets leicht, elegant und präzise. Und selbst existenzielle Bedrohungen zeigt er in vollendet komischer Unbeschwertheit.

Ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung sind Veduten, zumeist gezeichnete oder radierte Architekturdarstellungen aus der Mitte des Jahrhunderts. Anschaulich zeigen sie, wie sich die Metropole zu verändern beginnt. Ausgehend von Victor Hugos „Nôtre Dame de Paris“ - dem „Glöckner von Notre Dame“ - von 1831 hat sich die Seine-Metropole auf die Schönheit ihrer mittelalterlichen architektonischen Schätze besonnen - ersten denkmalpflegerischen Ansätzen folgte ein rigoroser Umbau.

Steinerne Abbilder des Bösen

Hugos Meisterwerk lenkte den Blick auch auf die Verzierungen hoch oben auf den Türmen - genau dort siedeln jene teuflischen Fantasiegestalten auf Gesimsen und Balustraden. Ètienne Moreau-Nélaton zeigt sie Ende des 19. Jahrhunderts als heimliche Herrscher von Paris, denn diesen steinernen Abbildern des Bösen liegt die Stadt in ihrer geheimnisvoll dämmrigen oder lichtdurchfluteten Pracht Tag und Nacht zu Füßen.

Die Kathedrale Notre Dame war einst dicht umbaut, Häuser standen selbst auf der steinernen Brücke über die Seine. Mitte des Jahrhunderts stand sie bereits frei, ebenso der heute zum Weltkulturerbe zählende Turm St. Jacques de Boucherie. Bei Friedrich Martens ist der Turm 1830 noch eng umbaut, um 1850 beherrscht er auf einer Ansicht von Édouard-Denis Baldus als Soiltär seine Umgebung.

Des einen Freud‘ am Wandel ist des anderen Leid gewesen: Ein Ehepaar bei Daumier schaut traurig zu, wie sein Brautgemach abgerissen wird, ein anderes freut sich über Licht und Sonne auf dem Balkon und über die schönen Aussichten - unter anderem auf den in der Ausstellung genau im Blick liegenden Turm St. Jacques.

Technische Neuerungen in der Fotografie machen plötzlich Weitwinkel- und Panoramaaufnahmen möglich, einige Beispiele solcher Aufnahmen sind ebenso zu sehen wie Fotografien von Charles Marville und in seiner Nachfolge Jean-Eugène Atget. Sie hatten es sich zur Aufgabe gemacht, methodisch die kleinen Gassen und ihre Bewohner zu fotografieren; sie haben ihnen so ein Denkmal gesetzt. Paris ist immer eine Reise wert - und sei es hier auch nur auf dem Papier.

Bis 28. November im Graphik-Kabinett der Stuttgarter Staatsgalerie. Öffnungszeiten: täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr (auch an Feiertagen), dienstags und donnerstags bis 20 Uhr; mittwochs und samstags freier Eintritt. Der Katalog zur Ausstellung kostet 9,80 Euro.www.staatsgalerie-stuttgart.de/

 

Artikel vom 20.08.2010 © Eßlinger Zeitung

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