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SERIE WIE WAR‘S? (TEIL 4) - DIE SPIELZEIT 2009/10 AM STUTTGARTER BALLETT

Widerhäkchen im Tanzgewissen

Mit Marco Goeckes „Orlando“ wieder weit vorn in der Avantgarde - Schwächen bei technisch anspruchsvollen Klassikern - Überflieger Friedemann Vogel

  Ein Danseur Noble, der sein Spektrum ins Expressive erweitert hat: Friedemann Vogel, hier als Orlando in Marco Goeckes neuem Handlungsballett. Foto: dpa
 

Ein Danseur Noble, der sein Spektrum ins Expressive erweitert hat: Friedemann Vogel, hier als Orlando in Marco Goeckes neuem Handlungsballett. Foto: dpa

 

Von Angela Reinhardt

Stuttgart - Manchmal merkt das Stuttgarter Ballettpublikum einfach nicht, wie verwöhnt es ist. Da setzte Intendant Reid Anderson insgesamt sechs Uraufführungen auf den Plan der vergangenen Spielzeit, mehr als alle andere großen Kompanien Deutschlands, da katapultiert sich das Stuttgarter Ballett mit Marco Goeckes „Orlando“ plötzlich wieder weit nach vorne in der Tanz-Avantgarde (wo es, geben wir es ruhig zu, schon länger nicht mehr stand) - und so mancher Zuschauer wurde ungeduldig, weil er in der ersten Hälfte der Spielzeit nur Altbekanntes, sprich: Wiederaufnahmen sehen musste.

Chancen für junge Tänzer

Dabei waren die beiden Programme mit Klassikern der Moderne auch musikalisch schön zusammengestellt, sowohl der Kenneth-MacMillan-Abend wie auch „Kylián/Cranko/Forsythe/Scholz“. Während aber „Das Lied von der Erde“ nur in der Premierenbesetzung hervorragend einstudiert war, wurde MacMillans „Requiem“ genau wie Crankos „Opus 1“ durch spätere Rollendebüts immer besser. Denn nicht alle erste Solisten der Kompanie konnten die Chancen nutzen, in die Rollen großer Vorbilder hineinzuwachsen, dafür bekamen viele nachrückende, junge Tänzer die Gelegenheit, sich in den unterschiedlichen modernen Stilen vom fließenden des Jiri Kylián bis zum zackigen des William Forsythe auszuprobieren. Die ungemein vielseitige Rachele Buriassi brillierte in „Vertiginous Thrill“ wie im „Vergessenen Land“, mit Alexander Zaitsev, Alexander Jones oder William Moore erzählte Crankos „Opus 1“ endlich wieder eine Geschichte, erst Elizabeth Mason und die viel zu selten besetzte Bridget Breiner fanden die innige Empfindung für die Klagen des „Requiems“.

Bei den Damen taten sich auch Angelina Zuccarini, Alessandra Tognoloni und Elisa Badenes hervor, Hyo-Jung Kang überzeugte als Olga in „Onegin“ und enttäuschte bei Kylián. All die erfreulichen Debüts im modernen Fach können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in technisch anspruchsvollen Klassikern wie „Giselle“ noch immer düster aussieht hinter der souveränen Maria Eichwald. Bei den Herren wird weiterhin auf hohem Niveau getanzt, hier war Friedemann Vogel der Überflieger: Seit langem ein Danseur Noble von internationalem Ruhm, feierte er nun auch als dämonische Todesfigur bei MacMillan und als Marco Goeckes „Orlando“ Triumphe, erweiterte sein Spektrum ins Expressive und in die Moderne.

Stets eine Augenweide: der musikalische, intelligente Tanz der englischen Fraktion mit William Moore, Alexander Jones und David Moore. Frisch von der Cranko-Schule kam das brasilianische Riesentalent Daniel Camargo, er war im Dauereinsatz und zeigte sich sämtlichen Stil­arten gewachsen: ein weiterer Beweis für die hervorragende Ausbildung an der hauseigenen Ballettschule.

Bei den drei Uraufführungen der Kompanie-Mitglieder zeigte Douglas Lee das gewohnt introvertierte Glieder-Dehnen, während Bridget Breiners leichter, flüssiger Choreografie-Stil in „Letters of Others“ über dem vielen amerikanischen Text verkannt wurde. Demis Volpis „Big Blur“ übersteigerte das klassische Vokabular ins Nervöse, staunenswert originell spielt der junge argentinische Choreograf mit dem Tanz auf Spitze und lässt messerscharf aussehen, was früher ätherisch schwebte. Die Gäste Wayne McGregor und Jorma Elo schufen mit „Yantra“ und „Red in 3.“ ansehnliche Werke, die den Stuttgarter Tänzern großartig standen, gab sich auch das erste ein wenig zu beliebig dem modernen Vokabular hin und huldigte das zweite allzu widerstandslos dem Spektakulären.

Bleibt als Höhepunkt der Spielzeit das neue Handlungsballett „Orlando“, für viele sicher gewöhnungsbedürftig mit Marco Goeckes nervösem, minimalistischem Bewegungsstil - und doch fesselnd, ja hypnotisch in seiner kargen Schönheit und der ruhigen Erzählweise zu einer brillant ausgewählten Musik von Michael Tippett und Philip Glass, der schönsten Ballettpartitur seit langer Zeit. Das Publikum der mutig angesetzten zwölf Aufführungen reagierte zu Anfang kon­sterniert und brach doch am Ende jeder Vorstellung in Bravo-Rufe aus, als hätte Marco Goecke wie ein winziges Widerhäkchen die Frage in ihr ästhetisches Gewissen gesetzt, ob dieser Choreografiestil nicht vielleicht auf eine Weise neu und anders ist als damals Pina Bausch oder William Forsythe.

Selbst wenn man den Eindruck hatte, dass der Chef nur selten da war: Reid Anderson hat sein Haus so gut bestellt, dass die Kompanie auch noch auf Autopilot bestens läuft und weiter zur europäischen Spitze zählt.

In einer kleinen Serie, die mit dem heutigen Beitrag endet, zogen wir eine Bilanz der vergangenen Spielzeit an den wichtigsten Bühnen der ­Region.

 

Artikel vom 14.08.2010 © Eßlinger Zeitung

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