Tagebuchnotizen aus dem Angestelltenleben
Hauptsache kein Stück: Hasko Weber inszeniert die Uraufführung von Sibylle Bergs „Hauptsache Arbeit!“ am Stuttgarter Staatsschauspiel
Stuttgart - Die Belegschaft wird eingeschifft. Wahrscheinlich damit keiner entkommen kann, hat die Versicherungsgesellschaft einen Ausflugsdampfer gemietet fürs kollektive Motivations- und Trainee-Programm samt Wettbewerb ums berufliche Überleben. Wer bei der „Olympiade der schönsten Vorträge zum Thema: Die Firma hat mich überleben lassen!“ rhetorisch abschmiert oder wer unterm Elektroschock-Lügendetektor zu schnell zuckt, fliegt raus. Naturgemäß salbt der Chef den drohenden Verlust des Arbeitsplatzes in zynischen Wohlklang: Von den „Möglichkeiten, die neue freie Kapazitäten bieten“ und die „mit Freude anzunehmen seien“ ist die Rede, gar von einem „Zuwachs an Lebensqualität“. So weit, so realistisch zur Kenntlichkeit überspitzt. Nur folgt dem Intro keine Tragikomödie der erwerbstätigen Niederungen, und was als Hochamt der kollegialen Niedertracht anhebt, versackt alsbald in nabelschauender Bespiegelungsprosa. „Hauptsache Arbeit!“ von Sibylle Berg, uraufgeführt am Stuttgarter Staatsschauspiel, sondert am Ende keine Gewinner und Verlierer, sondern sammelt gleichsam Tagebuchnotizen aus dem Angestelltenleben, verteilt auf eine beliebige Anzahl männlicher und weiblicher Darsteller unter dem großen Chef („keine Ahnung, wie viele“, schreibt die Autorin), versprenkelt auf Stationen und Situationen der Live-Selektionsshow, die zusehends zum Setzkasten für die erzählten Lebens- und Befindlichkeitsfetzen verkommt, aber selbst nichts mehr erzählt. Die angerissenen Handlungsfäden werden gekappt, dramaturgische Spannung gibt es so wenig wie Rollen.
Im Hamsterrad der Text-Arbeit
Hauptsache kein Stück scheint das Motto für „Hauptsache Arbeit!“ zu sein. Bergs Text assimiliert sich dem, was er darzustellen vorgibt. Wie die Angestellten in ihrer Tretmühle rotiert er im Hamsterrad der eigenen Text-Arbeit. Dazu passend verrichten Nagetiere eine Art Subversionswerk, nämlich drei sprechende Ratten, von denen sich eine zur „Motivationsratte“ mausert, um in Wahrheit demotivierende Mitarbeiter-Sabotage zu betreiben. Diese Gegenwelt aus dem Unterdeck zieht zwar eine zweite Ebene in Bergs Text ein, die aber in der Stuttgarter Spielfassung kaum zum Tragen kommt. Ansonsten gehorchen Stoff wie Stück, das keines ist, derselben Devise: „etwas produzieren, von dem unklar ist, wozu es dient.“ So verkündet es der Chef von der Bühne herab. Doch weder eine kritische Dimension noch eine triftige Authentizität der Darstellung entspringt der zur Schreib-Methode verwandelten Real-Absurdität. Dazu sind Bergs im Detail scharf beobachtete, bisweilen aber auch nur banale Gestimmtheitserkundungen im Feld mittelalten Mittelmaßes insgesamt zu undeutlich. Was hinter devot speichelnden Lobgesängen auf die „Firma“, die wenn nicht das Leben so doch dessen Sinn gerettet habe, an Frustration, Angst vor dem Altern, sexueller Unlust oder Perspektivlosigkeit aufbricht, fügt sich nur zum Impressionenmosaik eines sehr allgemeinen, an den besten Stellen allgemein verbindlichen Welt-Entfremdungsschmerzes.
Die Arbeit damit hat in der Hauptsache der Regisseur. Im Stuttgarter Schauspielhaus legt Intendant Hasko Weber Regie-Hand an. Und zwar handwerklich gekonnt, was das Sortieren der Textmassen zu halbwegs plausiblen Rollenfiguren, wenn auch mit drohender Klischee-Schlagseite, anbelangt. Florian von Manteuffel als Chef ist ein Alphamännchen, der sich die Präpotenz der Führungskraft auch sonst nicht durch die Rippen schwitzen kann. Der Reihe nach begattet er die weibliche Belegschaft, jeweils in einem Akt der Anonymisierung. Die Plastiktüte für den Kopf der Sexualpartnerin ist sein erotisches Emblem.
Büro-Mondäne und Ulknudel
Die namenlose Mitarbeiter-Masse zählt in Stuttgart sieben Darsteller: Anja Brünglinghaus gibt eine nicht mehr ganz junge Büro-Mondäne mit mutmaßlicher Hippie-Vergangenheit und Traum vom Mann aus Indien. Marietta Meguid ist die Ulknudel mit Hang zur Selbstentblößung und Phantasien vom „Verkehr“. Minna Wündrich spielt ein Dummchen aus der Human-Ressources-Abteilung, Jonas Fürstenau den gestählen Freizeit-Sportler und Ernst Konarek den im Dienst ergrauten Helden des Menschenrechts auf Arbeit. Sebastian Schwab ist ein Computer-Nerd mit altmodischem Menjou-Bärtchen und pomadiertem Haar, der zuguterletzt den Anarchisten hinter dem Nethead zeigt. Und Martin Leutgeb spielt einen köstlich verkrampften Abteilungsleiter mit Hundehass und ängstlich angelegter Schwimmweste.
Wie das Ensemble aus Bergs Wortwust Personen, Charaktere und Konfrontationen herauskonturiert, ist schlichtweg brillant - und bezeugt gerade damit die Problematik des Texts. Denn zu dramatischer Interaktion sind die Worte kaum zu fokussieren. Die zwischenmenschliche Ferne ist hier Behauptung, nicht Befund. So lässt Weber zwar gelegentlich den Belegschaftschor antreten, und das Zu-Bett-Gehen inszeniert er als kollegiale Walpurgisnacht der eher pflichtschuldigen denn triebgesteuerten Paarungsansätze („für das Kopulieren gibt es Aufstiegspunkte“). Doch retten solche Momente keinen letztlich monologischen Text, der schlicht voraussetzt statt dramatisch zu entwickeln, was Stéphane Laimés Kabinenzellen-Bühnenbild mit Sonnendeck für den Chef geglückt darstellt: die totale Vereinzelung.
Dass Weber aber das zum Duo reduzierte Rattentrio als albernde russische Billiglohn-Matrosen konkretisiert, greift beschädigend in den Text ein, der seinen „Ratten“ immerhin dokumentarisches Statistikmaterial aus der Arbeitsleidenswelt zwischen die Nagezähne legt und so eine distanzierende Kontrastfolie schafft. Und warum in aller Geschäftswelt sollen ausgerechnet Motivationstrainer den Underdog-Riegen der Billiglöhner entstammen? Bijan Zamani spielt denn auch die Motivationsratte als vulgären Anpeitscher mit Flüstertüte und Sportsmann-Käppi. Murat Parlak ist der Kumpan am E-Piano, der im TV-Show-Stil „Wer wird überleben?“ trällert.
Rettung ins Undeutliche
Wenn sich am Ende die beiden nach vollbrachtem Subversionswerk zuprosten und erstmals untereinander Deutsch sprechen, scheint ein Rollentausch stattgefunden zu haben: Die Ratten verlassen gerade nicht das Schiff, sondern übernehmen das Kommando. Und der unilateral einzige Stern am US-Sternenbanner im Bühnehintergrund scheint sein Licht nur noch auf eine in der eigenen Wunschwelt untergehende Kapitalistenbesatzung zu werfen: Der Chef verwandelt sich zum Traumtänzer-Ballerino, der Senior-Mitarbeiter zur Transe (vielleicht seine Frau, mit der er zu Lebzeiten kaum ein Wort wechselte), die Ulknudel zum ergrauten Engel, der Abteilungsleiterspießer zum Trauerkloß vor der Urne seiner vom Bus überfahrenen Gattin, das Dummchen zum Marlene-Dietrich-Verschnitt auf Kothurnen, der Fitness-Freak zum Kleinkind und die Mondäne zur Glamour-Lady. Der Salto mortale ins Traumspiel bestätigt am Ende die Ratlosigkeit einer Regie, die sich an Sibylle Bergs Text redlich abarbeitete und letztlich doch ins Undeutliche rettete. Dafür gab es maßvollen Applaus und deutliche Buhs, als Autorin und Regisseur auf die Bühne traten.
Die nächsten Vorstellungen: 26. März, 1. und 8. April, 4. und 23. Mai.



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