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Leuchtende Dramatik

Frieder Bernius musiziert Bachs h-Moll-Messe in der Stuttgarter Markuskirche

Von Dietholf Zerweck

Stuttgart - Die Basso-Continuo-Gruppe ist das pulsierende Herz bei Frieder Bernius‘Aufführung von Bachs h-Moll-Messe mit dem Kammerchor und dem Barockorchester Stuttgart. Die dramatische Bewegung der Musik prägt schon nach den gewaltigen Einleitungsakkorden das Largo-Vorspiel der ersten, sie steigert sich unablässig in der archaischen Chromatik der zweiten „Kyrie“-Fuge. Und eindringlichst führt sie zum trompetenüberstrahlten Höhepunkt am Schluss des „Dona nobis pacem“.

Frieder Bernius versucht bei seiner Deutung dieses monumentalen Werks immer ein Höchstmaß an textnaher Expressivität zu erreichen. Erbarmen und Friedensbitte gestaltet er als Eckpfeiler einer Architektur, deren einzelne Teile ungeheuer kontrastreich musiziert werden. Trotz der etwas halligen Akustik in der Markuskirche bilden die 26 Choristen und 27 Instrumentalisten eine wunderbare Balance und Transparenz klanglicher Ausdrucksmittel. Wie enthusiastisch wird das „Gloria“ angestimmt, mit welch strömender Intensität der „Friede auf Erden“ herbeigesehnt; wie hoch gespannt und tief durchdrungen werden Menschwerdung, Kreuzigung und Auferstehung im „Credo“ dargestellt; und mit welch schwereloser Leichtigkeit schwebt das vielstimmige „Sanctus“ im Raum, lässt Bernius den Kammerchor das „Osanna“ wie mit Stromstößen crescendieren.

2006 hat Bernius eine ausgezeichnete CD-Einspielung der h-Moll-Messe mit seinen beiden Ensembles veröffentlicht. Ein Vergleich mit der Aufführung in der Markuskirche zeigt einerseits interpretatorische Kontinuität, andererseits interessante Veränderungen. Manche Stücke wie das Ende von „Gloria“ und „Credo“, erscheinen noch affektgeladener, an wenigen Stellen scheint das Tempo etwas überzogen. Stärker fallen die Unterschiede bei der Auswahl der Solisten ins Gewicht. Wo die Sopranistin Mechthild Bach und der Countertenor Daniel Taylor in ihrem „Christe“-Duett in Stimmlage und Tonfärbung harmonisch aufeinander abgestimmt sind, ist das Verhältnis zwischen dem weichen, dunkel getönten Sopran von Ruby Hughes und dem eher spitzen, nasalen Timbre des Altus Christophe Dumaux prekär: Man glaubt die in Terzen geführte zweite Stimme über der ersten zu hören. Überzeugend die „Agnus Dei“-Arie von Dumaux, und in bester Harmonie die affektvoll gestaltende junge Sopranistin und der strahlende Tenor von Andreas Weller. Der hell timbrierte Bariton von Raimund Nolte phrasierte klangschön und gestaltete seine Heilig-Geist-Arie mit leuchtenden Legatobögen.

 

Artikel vom 22.03.2010 © Eßlinger Zeitung

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