Flirrende Bilder
Das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart unter der Leitung von Hans Graf in der Liederhalle
Stuttgart - Tschaikowskys sinfonische Dichtung „Der Wojewode“ würde sich auch gut als Soundtrack zu einem Stummfilm eignen: Drohend sieht man vor dem inneren Augen den Titelhelden, einen russischen Heerführer, auf einem außerdienstlichen Ritt sich unerbittlich seinem Heim nähern. Hört seine eifersüchtigen Wutausbrüche, als er seine Gattin in den Armen eines anderen entdeckt, und seinen bösen Mord-Plan, dem er am Ende selbst zum Opfer fällt. Aber im jüngsten Abo-Konzert des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart (RSO) im vollbesetzten Beethoven-Saal der Liederhalle hätten filmische Bilder keine neuen Erkenntnisse gebracht, so plastisch und spannend setzten die Musizierenden unter der Leitung ihres Gastes am Pult, Hans Graf, den sinfonischen Balladenstoff um - mitsamt seiner pointiert herausgearbeiteten, erschreckenden Wendepunkte.
Ein klanglich faszinierendes Stück ist „Der Wojewode“ allemal: Tschaikowsky vergläserte darin den Orchesterklang mit der damals in Frankreich eben erfundenen Celesta. Im anschließenden Viola-Konzert des 1983 verstorbenen britischen Komponisten William Walton, das der dreisätzigen, klassisch-romantischen Tradition verpflichtet bleibt, beeindruckte der Solist Antoine Tamestit durch seinen intensiven, tief empfundenen Ton. Der junge Franzose bewies zudem eine enorme rhythmische Beweglichkeit - ob leger oder hart akzentuiert -, ohne die dieses Stück unspielbar wäre. Hans Graf, derzeit Chefdirigent des Houston Symphony Orchestra, führte besonnen und sicher durch die heikle Partitur, in der Solo- und Orchester-Part eng verzahnt werden, und verstand es, die Energien auf den Punkt zu bündeln. Ohne Zugabe ließ das euphorisierte Publikum den sympathischen Bratschisten nicht gehen. Der bedankte sich mit einem Satz aus einer Bach-Solo-Suite, wie es unter Streichervirtuosen derzeit en vogue ist.
Nur zur Hälfte überzeugend gelang hingegen Hans Graf und dem RSO Tschaikowkys Sechste Sinfonie, die „Pathetique“. Der walzernde zweite Satz geriet zu schwer und vollmundig. Ihm fehlte die Grazie, die er eigentlich verlangt. Der letzte Satz, das erste langsame Finale der Sinfoniegeschichte, litt unter allzu starrer, lauter Dynamik. Zu aufdringlich geriet dieser schmerzvolle Abschied von der Welt, so dass er nicht mehr wirkte.
Dagegen wusste man im Kopfsatz das Publikum durch den plastisch artikulierten Kampf konkurrierender Kräfte zu schockieren. Gleiches gilt für das geisterhaft flirrende Scherzo und seine brutal lärmende Zuspitzung. So bedankte sich das Auditorium am Ende mit tosendem Applaus.



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