Verstellung statt Enthüllung
Theaterleben in Knittelversen: Michael Frayns „Reinhardt“ als deutsche Erstaufführung im Alten Schauspielhaus Stuttgart
Stuttgart - Ein Künstlerleben in etwas mehr als zwei Stunden auf die Bühne zu bringen, dazu braucht es eine originelle Idee. Der britische Autor Michael Frayn, in Deutschland vor allem durch seine Farce „Der nackte Wahnsinn“ (Noises Off) bekannt geworden, hat sich die legendäre Figur des Theatermachers Max Reinhardt zu einem spielerischen Experiment ausgesucht: Mit einer Probe zum „Jedermann“, dessen Inszenierung durch Reinhardt 1920 auf dem Domplatz die Salzburger Festspiele mit begründete, beginnt das Stück.
Sterben des reichen Mannes
In dessen Verlauf mischt Frayn Szenen aus Hugo von Hofmannsthals Spiel vom Sterben des reichen Mannes mit Facetten aus Reinhardts Leben. Bei einem Aufenthalt in Schloss Leopoldskron - in den 1920er-Jahren Reinhardts Residenz in Salzburg und heute exklusives Seminarhotel - kam Frayn die Idee zu seinem Stück: Die Architektur des Barock und des Rokoko hätten etwas inhärent Theatralisches. Dann recherchierte er in Tagebüchern, Briefen und Biografien aus Reinhardts Umfeld. Zitate wie jenen Satz von Helene Thimig, der Schauspielerin und zweiten Ehefrau Reinhardts, Leopoldskron sei diejenige seiner Inszenierungen gewesen, auf die er am stolzesten war, hat der Autor in geschliffene Dialoge eingebaut, deren Stil öfters Hofmannsthals „Jedermann“-Versen angeglichen wurde. Das ist leidlich kunstvoll und, was die eingestreuten Knittelverse angeht, peinlich künstlich gemacht. Die Ebenen von Theater und Wirklichkeit fließen ineinander, gemäß der Auffassung Max Reinhardts, „die Grenzen aufzuheben zwischen Wirklichkeit und Traum, Kunst und Leben“. Doch es fehlt dem Stück an Substanz: Während zu Beginn des Zweiakters die Theaterleidenschaft des Regisseurs anschaulich gemacht wird, bleibt der widersprüchliche Charakter des Menschen Reinhardt unterbelichtet. Der weitere Verlauf seines Lebens bis zur Emigration in die USA bietet häppchenweise Boulevardtheater.
Die „Reinhardt“-Inszenierung von Stephan Meldegg im Alten Schauspielhaus verstärkt eher noch die Schwächen des Stücks, dessen Humor und Wortwitz durch pointierte Darstellung besser zur Geltung kommen könnten. Doch die Schauspieler agieren vorwiegend hölzern. Reinhart von Stolzmann als der Salzburger Erzbischof, welcher von Reinhardts Theaterleidenschaft angesteckt wird und das Spiel auf dem Domplatz auch gegen Widerstände der Bevölkerung wegen dessen Judentum erlaubt, ist nichts als eine Charge im violetten Ornat.
Daniela Hüthmair und Tina Eberhardt tragen die ondolierten Frisuren und schicken Fähnchen von Reinhardts Weggefährtinnen Helene Thimig und Gusti Adler wie Schaufensterpuppen; ein Statistenquartett müht sich vergeblich um ein wenig von jenem Glamour, der den Reinhardt-Clan in Leopoldskron auch laut Text umgeben hat. Die einzig halbwegs lebendige Figur auf der Bühne ist Karl-Heinz Dickmanns „Käthchen“ Kommer, der die Finanzen seines genialen Bühnenprinzipals verwaltet und immer wieder für eine Pointe gut ist. Besonders hilflos ist die Regie bei der Figur des arbeitslosen Friedrich Müller, der die Verschwendung hasst und es durch stramme nationalsozialistische Gesinnung im Hitler-Österreich bis zum Gauleiter von Salzburg bringt. Jens Woggon spricht seine Rolle, die von Michael Frayn mit der Figur des Todes im „Jedermann“ in Beziehung gesetzt wird, sporadisch mit österreichischem Akzent.
Charme und Weltläufigkeit
Volker Risch macht den anziehenden Charme und die Weltläufigkeit seiner Titelfigur glaubhaft, doch auch bei ihm fehlt es an differenzierter Darstellung, besonders der von Frayn angedeuteten Analogie zwischen dem erfolgreichen Theater-Tycoon und dem Hofmannsthal‘schen Jedermann.
Nicht Verstellung sei die Aufgabe des Schauspielers, sondern Enthüllung, hat Max Reinhardt 1930 geschrieben. In der Stuttgarter Aufführung von Frayns recht oberflächlich zusammengeschustertem Reinhardt-Stück, dessen Original unter dem Titel „Afterlife“ 2008 in London herausgekommen ist, fehlt davon freilich jede Spur.
Vorstellungen im Alten Schauspielhaus bis 24. April täglich außer sonntags um 20 Uhr, an den Samstagen 27. März und 10. April auch um 16 Uhr.



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