Mea culpa tätärä
Der Kabarettist Roland Baisch mit seinem neuen Programm „Der graue Star“ im Stuttgarter Theaterhaus
Stuttgart - „Der graue Star“ heißt das neue Programm, das Roland Baisch, einer der dienstältesten Kabarettisten in Stuttgart, jetzt im Theaterhaus erstmals seinem Publikum präsentierte. Der Titel ist durchaus doppeldeutig zu verstehen, wie eigentlich alles, was Baisch in den zwei Stunden von sich gibt. Zum einen passt er auf den 55-jährigen „Silberrückengorilla“, zum anderen ist er eine Anspielung auf die Trübung der Augenlinse, die zur Abnahme der Sehschärfe führt.
Im Zuschauersaal war man unter sich. Überwiegend Bestagers und Senioren-Bravoleser freuten sich über den dezidierten Blickwinkel eines reifen Mannes auf Alters- und sonstige Erscheinungen. Anhand eines überlebensgroßen Bodybuilder-Posters macht Baisch satirisch deutlich, was der im wirklichen Leben verankerte Normalo alles auf sich nimmt, um realistisch rüberzukommen: Haare vom Oberkopf auf den Rücken verpflanzt, Tränensäcke samt Falten modelliert und das Konterfei doppelgesichtig verschlafft. So sehen aus dem Leim gegangene Alltagshelden aus, die sich einen Spaß auf chirurgische Bemühungen um ewige Jugend machen.
Ob der häufige Verlust des Programm-Fadens eine Alterserscheinung oder Premierennervosität ist, lässt sich nicht eindeutig feststellen. Vieles wirkt verhaspelt und unkonzentriert an diesem Abend. So musste der junge Jazz-Gitarrist Frank Wekenmann einige Male soufflierend in die Bresche springen. Viele Gags von Baisch wirken zudem lau, die Pointen verpuffen in schierer Belanglosigkeit, manchmal sind sie auch peinlich, wie die Geschichte mit dem kleinen Jungen, der gefragt wird, ob der Priester zu seinem toten Meerschweinchen geholt werden solle, der dann antwortet: „Nein, heute will ich keinen Sex“.
Ja, auch bei den Spaßvögeln gibt’s glücklose Trittbrettfahrer. Die Promischelte fällt nicht viel origineller aus. Schulkamerad Oettingers Englisch- und Französischkenntnisse müssen herhalten, Eckart von Hirschhausens Managerkurse in Banken werden dafür verantwortlich gemacht, dass die Wirtschaft „am Arsch“ sei, und den bibellesenden Ben Becker sieht Baisch als totale Fehlbesetzung. Gangsta-Rapper Bushido hält er zugute, dass er nicht so weichgespült sei wie Xavier Naidoo, den er offenbar zur Gattung „Männer, die beim Wichsen weinen“ zählt.
Baisch sagt, was er meint, und das wirkt oft platt. Kontinenz wäre manchmal eben besser, wenn ältere Herren über Sex reden. Das gesungene „Mea culpa tätärä“ immerhin entschädigt für die sprachlichen Misshandlungen des Themas. Überhaupt kommen die meisten Musiktitel wohltuend vital und unverkünstelt daher. Ob jazzig angehaucht, in der Tradition von Django Reinhardt, ob balladesk oder als Countrysong - mit Saxophon, Gitarre und Mandoline, mit Querflöte, singender Säge und Akkordeon macht der Gerontospötter im schwarzen Anzug eine echt gute Figur.
Weitere Aufführungen: heute und morgen (20.30 Uhr).



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