Sprache als Waffe
Heute hat Bernard-Marie Koltès‘ „Kampf des Negers und der Hunde“ an der Esslinger Landesbühne Premiere
Esslingen - Irgendwo in Afrika, eine Baustelle mit weißen Chefs und schwarzen Tagelöhnern: Der 1989 an Aids gestorbene französische Dramatiker Bernard-Marie Koltès hat in seinem Stück „Kampf des Negers und der Hunde“ eine post-koloniale Situation nachgestellt, die alte kolonialistische Strukturen festhält. Doch stimmt Koltès nicht einfach nur das Klagelied auf der politisch korrekten Seite der Verdammten dieser Erde an. Wenn sein Stück beginnt, ist fast alles schon passiert: Ein schwarzer Arbeiter wurde von dem weißen Ingenieur Cal ermordet. Alboury, ein Verwandter des Toten, fordert die Herausgabe der Leiche, Léone, die Pariser Braut des Bauleiters Horn, verliebt sich in den Schwarzen. Den Leichnam bekommt er nun erst recht nicht, und nun erst beginnt der Kampf des „Negers“ und der „Hunde“ - laut Koltès die Weißen, die im Titel ebenso abgewertet werden, wie der Schwarze durch das Wort „Neger“ zur kulturimperialistischen Projektion erniedrigt wird. Was nun ausgefochten wird, ist eine „Sprachschlacht“, sagt die Regisseurin Anna Katharina Winkler, die mit ihrer Inszenierung des Stücks ihr Debüt an der Esslinger Landesbühne (WLB) gibt und zugleich einen Beitrag zum Spielzeit-Motto „Fremde“ liefert.
Die Waffe der Sprache schärft sich bei den Weißen zur „Rhetorik der Arroganz“, sagt Winkler, während Alboury, der in ihrer Inszenierung ohne schwarze Schminke gespielt wird, in die Rolle des unverstandenen Außenseiters rückt. Dieses wechselseitige Scheitern der Kommunikation ist für die Regisseurin der eigentliche Fokus, der im Kampf der Kulturen seine Ausprägung findet. Dabei machen die Figuren bis zur Eskalation in nackte Gewalt keine Entwicklung durch, vielmehr sind sie von Beginn an weder zur Verständigung noch zur Äußerung der eigenen, im Grunde längst verlorenen Identität fähig. Man ergeht sich gegenseitig in Rollenzuschreibungen, man ist unfähig, den Anderen in seinem Anderssein anzuerkennen. Genau deshalb will Winkler die Frontlinie dieses Kampfes nicht „moralisch definieren“. Selbst Léones Liebe zu Alboury sei „nur die Illusion eines europäischen Ideals von Zwischenmenschlichkeit“. So zeitigen die liebenden Gefühle denn auch paradoxe Folgen: Als sich Léone ausdrücklich zu ihm bekennt, ist Alboury bereit zur Gewalt. Eine Konfliktlösungsstrategie, so Winkler, gibt es nicht, aus den Sprachgefechten entwickelt sich die blanke Aggressivität von Rache und Wut.
Solcher Aussichtslosigkeit entspricht das Bühnenbild von Markus Wagner: Beton dominiert den Raum der Betonköpfe, Abschottung prägt den Baustellen-Bühnenort der Weißen, der Zuschauerraum steht für die afrikanische Außenwelt, für das Territorium Albourys.
Die Premiere beginnt heute um 20 Uhr im Podium II des Esslinger Schauspielhauses.



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