Erregendes Lebensdrama
Meisterkonzert mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra und Tschaikowsky fünfter Sinfonie
Stuttgart - Schon die ersten Takte der Ouvertüre zu Mozarts „Don Giovanni“ lassen Außergewöhnliches erwarten beim Auftritt des jungen lettischen Dirigenten Andris Nelsons mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra (CBSO) in der Stuttgarter Liederhalle. Die ungeheure Dramatik und Dämonie der wuchtigen Akkorde, das unheimliche Pochen des Rhythmus werden mit glühender Intensität formuliert: ein kerniger, von den Blechbläsern getragener, von den Streichern dynamisierter Tutti-Klang charakterisiert das Orchester, mit dem Simon Rattle vor einigen Jahrzehnten groß geworden ist. Nun hat das CBSO wieder einen jungen, charismatischen Chef: Der 31jährige Andris Nelsons gilt als eines der größten Talente der internationalen Dirigentenszene.
Wenn man ihm zusieht, wie er die orchestralen Impulse entfacht, Entwicklungen in den einzelnen Stimmen aufzeigt, Steigerungen bis zu exzessiven Höhepunkten mit weit ausholender Gestik vorantreibt, hat man den Eindruck: In diesem Körper und Geist lebt Musik. Mit der noch ein paar Jahre jüngeren Geigerin Baiba Skride - beide sind in Riga aufgewachsen - hat Nelsons für Tschaikowskys Violinkonzert eine kongeniale Partnerin. Grifftechnisch makellos, spielt sie das in den beiden Ecksätzen höchst anspruchsvolle Werk dennoch ganz ohne virtuose Attitüde. Die abenteuerlichen Koloraturen nimmt sie nicht als sportive Höchstleistungen, sondern wie zielgerichtete Höhenflüge zu Tschaikowskys triumphalen Klanggipfeln. Das Wesen ihrer Interpretation jedoch offenbart sich in den lyrischen Passagen, vor allem in der Canzonetta. Wie schon die erste Solokantilene beseelt aufschwingt, das Anfangsthema von ihr in schwerelosem Mezzopiano vorgestellt wird, so gestaltet Baiba Skride den Mittelsatz mit Kantilenen von transzendenter Schönheit.
Höchst lebendig
Das Finale („Allegro vivacissimo“) ist in der Tat von höchster Lebendigkeit: temperamentvoll und mit größter Leichtigkeit musiziert, extrem ausgereizt die Kontraste zwischen selbstvergessener Melodieseligkeit und tänzerischem Furor: Solistin, Dirigent und das fabelhaft präzise und disziplinierte Orchester sind hier in großartigem Einklang.
Wie das Violinkonzert mit Baiba Skride, so haben Andris Nelsons und das City of Birmingham Symphony Orchestra auch Tschaikowskys 5. Sinfonie schon auf CD veröffentlicht, bevor sie mit diesem Programm (das in anderen Städten durch den gerade eingespielten „Feuervogel“ von Strawinsky ergänzt wird) auf Deutschlandtournee gingen. Für seine Wiedergabe der e-Moll-Sinfonie bedeutete das keinerlei Routine. Packender, aufwühlender, freilich auch plakativer hört man dieses Werk, an dem Tschaikowsky selbst ein „Übermaß an Farbigkeit“ feststellte, im Konzertsaal selten. Schon die Seufzergesten in der Einleitung sind extrem akzentuiert, die hitzigen Ekstasen des Kopfsatzes exzessiv gesteigert. Das Andante taucht Nelsons mit den Bratschen, Celli und Kontrabässen in einen undurchdringlichen Klangnebel, aus dem sich das von Elspeth Dutch traumverloren intonierte Hornsolo erhebt. Zwischen den glühenden Orchesterfarben lässt Nelsons die Holzbläserstimmen üppig parlieren, den langsamen Walzer zelebriert er als Rubato-Kunststück. Mit brillant geschärften Konturen treibt er dann das Finale zum strahlenden Höhepunkt: die ganze Sinfonie ist ein erregendes Drama des Lebens, mit vielen melancholietrunkenen und grell erleuchteten Szenen. Stürmische Bravos im Beethovensaal.



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