INTERVIEW JüRGEN BECKER, KABARETTIST
„Wichtig bleibt der Zweifel“
ESSLINGEN: Mit dem Soloprogramm „Ja, was glauben Sie denn?“ heute zu Gast in der Dieselstraße - Satirische Antworten auf die Religionen
Jürgen Becker gehört zu den profiliertesten Kabarettisten dieser Republik - seit vielen Jahren moderiert er im WDR die Satiresendung „Mitternachtsspitzen“. Am besten ist der Kölner Satiriker immer dann, wenn er live auf der Bühne steht. Am heutigen Donnerstag ist Jürgen Becker ab 20 Uhr im Esslinger Kulturzentrum Dieselstraße zu Gast. Im Gepäck hat er sein aktuelles Soloprogramm „Ja, was glauben Sie denn?“, in dem er sich satirisch mit Fragen des Glaubens auseinandersetzt. Alexander Maier bat Jürgen Becker vorab zum Interview. Wenn es um Religion(en) geht, hört der Spaß für viele auf. Was hat Sie dazu gebracht, sich diesem Thema kabarettistisch zu nähern?
Becker: Heinz Rühmann sagte als Pater Brown: „Wenn der Mensch lacht, ist er leicht wie ein Engel und nur wer über den Dingen schwebt, kann sie belächeln.“ Somit sind Humor und Religion eng verwandt und ein Kabarettist ist immer auch ein wenig Priester und umgekehrt.
Welche Rolle hat der Glaube für Sie ganz persönlich?
Becker: Ich halte es mit dem dänischen Physiker Nils Bohr, der an seiner Skihütte ein Hufeneisen über die Tür hängte, was viele seiner Besucher erstaunte: „Sie als Naturwissenschaftler und Nobelpreisträger glauben an so was?“ „Nein“, meinte er, „ich glaube natürlich nicht daran. Aber man hat mir versichert, es wirkt auch dann, wenn man nicht dran glaubt.“ In Köln sagt man: „Jut katholisch, der glaubt an nix.“
Für wen ist Ihr Programm „Ja, was glauben Sie denn?“ eigentlich gedacht: Nur für kritische Geister oder auch für bekennende Gläubige?
Becker: Häufig spiele ich in Kirchen und Gemeindesälen beider Konfessionen oder auf Festen wie dem Jubiläum „60 Jahre Erzbistum Essen“ und demnächst mit Eckart von Hirschhausen auf dem Ökumenischen Kirchentag, aber auch bei der Giordano-Bruno-Gesellschaft, den bekennenden Atheisten. Denn ein guter Christ ist stets auch ein guter Atheist, und ein guter Atheist ist stets auch ein guter Christ. Wichtig bleiben der Zweifel und die Fähigkeit, jederzeit erstaunt zu sein.
Birgt die Auseinandersetzung mit Religion nicht die Gefahr, permanent in Fettnäpfchen zu treten, oder ist dieser Effekt sogar gewollt?
Becker: Da steht ein Fettnapf, und man tritt trotzdem hinein, wie es das Schicksal oft so will. Entscheidend ist immer das Wörtchen trotzdem. Da ist einer tot und steht trotzdem wieder auf. Da ist eine Bischöfin betrunken und sie fährt trotzdem Auto. Das verbindet Religion, Leben und Humor: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Philosophie ist, wenn man trotzdem denkt. Religion ist, wenn man trotzdem stirbt.
Tucholsky hat auf die Frage, was die Satire dürfe, mit einem schlichten „alles“ geantwortet. Gibt es für Sie auch Grenzen?
Becker: Körperliche Gebrechen und Naturkatastrophen. Ansonsten sehe ich für die Satire freie Fahrt.
Die Kirchen haben in jüngster Zeit diverse Steilvorlagen geliefert. Nimmt Jürgen Becker die bereitwillig auf oder verkneift er es sich, in seinem Programm auf Frau Käßmann oder die diversen Missbrauchsvorwürfe gegen katholische Kirchenmänner einzugehen?
Becker: Nein, denn wenn Priester und Pater menschliche Nähe su chen, warum vergreifen sie sich dann an Kindern? Man kann sich doch heutzutage einen Callboy kommen lassen, man kann Männer mieten. Jetzt sagen einige: „Das wollten wir ja, aber wir können uns Jürgen Rüttgers einfach nicht leisten.“
Geht es Ihnen vor allem um intelligente Unterhaltung oder erwarten Sie sich von Ihren Programmen auch einen gewissen Erkenntniswert?
Becker: Humor kann beides verbinden, denn wer lacht, lernt leichter, kann sich die Dinge besser merken. So habe ich dieses Programm mit großer Freude schon mehrfach an Hochschulen als Vorlesung gehalten.
Was kann Kabarett heutzutage überhaupt noch bewirken?
Becker: Zunächst hat es dieselbe Aufgabe wie Religion: Es soll trösten. Und es produziert Gleichnisse, Bilder, die Dinge veranschaulichen. Wenn Zuschauer mir beim Bier hinterher sagen: „So habe ich das noch gar nicht gesehen“, freut mich das.
Unsere Welt scheint vielen immer verrückter zu werden. Macht es da noch Spaß, Kabarett zu machen, oder wird man nicht ständig von der Realität überholt?
Becker: Tatsächlich ist es heute so, dass man Matthias Richling, Urban Priol und Georg Schramm seriöse Arbeit bescheinigen muss, Guido Westerwelle hingegen, wie es Helmut Schmidt jüngst tat, als „Meister der Wichtigtuerei“ umschreibt oder gar wie Heiner Geissler als „Esel“.Seriöse Politiker werden medial verdrängt von Schaumschlägern. Westerwelle ist der Ahmadinedschad des Mittelstandes.
Wenn man ein Kabarettprogramm über Glaubensfragen spielt, ist man vor Überraschungen nie sicher. Entwickelt sich Ihr Programm mit der Zeit immer weiter? Reagieren Sie auf neue Entwicklungen?
Becker: Die Religion ist ja mit Macht in die Gesellschaft zurückgekehrt, nicht nur durch die Skandale der katholischen Kirche, vor allem auch durch die steigende Zahl der Muslime in Deutschland. Da muss das Kabarett reagieren, und meinen türkischen Kollegen kommt da eine ganz wichtige Rolle zu. Wir müssen gemeinsam herausarbeiten, warum die Religionen in sich nicht konsistent sind und scheinbar nicht so recht zueinander passen wollen: Beim Essen sagt der Katholische Priester zum Iman: „Wann seid ihr Muslime endlich so vernünftig und esst mal ein leckeres Schweineschnit zel?“ „Das machen wir!“, lacht der Iman. „Auf deiner Hochzeit.“
„In der modernen multireligiösen Gesellschaft ist Religion ohne Humor vor allem eines: gefährlich!“, heißt es auf Ihrer Homepage. Der Humor des dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard wurde von fundamentalistischen Muslimen nicht so richtig goutiert. Fürchten Sie ähnliche Reaktionen, wenn Sie zu deutlich Ihre Meinung sagen?
Becker: Mein Programm ist ja der Versuch, die Religion mit der Aufklärung zu versöhnen. Darin haben Christen historisch bereits eine gewisse Übung. Bei Muslimen gibt es da naturgemäß mehr Widerspruch - aber das sollte einen nicht davon abhalten. Die Aufklärung und die Freiheit sollten niemals vor der Religion einknicken. Ich fürchte mich nicht und bin auch schon vor Muslimen aufgetreten. Es knisterte ein wenig, aber ich lebe noch.
Sie stehen solo oder mit anderen auf der Bühne, Sie arbeiten aber auch fürs Fernsehen. Was macht Ihnen am meisten Spaß?
Becker: Bühne und Publikum. Applaudieren kann man aus Höflichkeit, aber Lachen ist ein Reflex und damit echt. Das erfreut das Herz.



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