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Weite Wege nach innen

Ich-Forschung beim 14. Solo-Tanz-Theater-Festival im Stuttgarter Rotebühltheater

  Philosophische Inspiration: „Heterotopia“ mit Eldad Ben Sasson.Foto: e
 

Philosophische Inspiration: „Heterotopia“ mit Eldad Ben Sasson. Foto: e

 

Von Angela Reinhardt

Stuttgart - Sind wir nicht alle auf der Suche nach uns selbst? Choreografen und Tänzer noch ein bisschen mehr als andere Leute, will es scheinen, denn die Innenschau war das prägende Thema beim Finale des diesjährigen Solo-Tanz-Theater-Festivals im Rotebühltheater. Natürlich drängt sich das Thema geradezu auf, wenn man alleine mit sich selbst tanzt, und zweifellos war all die Ichforschung ehrlich und aufrichtig gemeint.

Aber bei so viel Suche nach Selbsterkenntnis, so viel hermetischem Horchen in sich hinein entstand beim Zuschauer vor allem die Sehnsucht nach, sagen wir: einem Gegenüber. Einem Duo. Einem Partner, der die Tiefgründelnden davor bewahrt, sich allzu weit in sich drinnen zu verlaufen.

Manches, was beim Finale gezeigt wurde, blieb auch in der Bewegungsart oder im Tempo zu gleichförmig, sogar das selbstzerstörerische, die Arme wild um den Körper wringende Stück „Sussuros raidos, angulos de furia“ („Abgeschabtes Säuseln, wütende Ecken“), mit dem die Mexikanerin Laura Vera immerhin den zweiten Choreografie-Preis und ihr Landsmann Gio­vanni Perez den dritten Preis als Interpret gewannen.

Bach und Vivaldi liefen nebenher

Nicht einmal der Humor war an diesem Abend komisch: In „The M.O.X. Pill“ der Belgierin Anneke Ghysens generierten die angeblich Choreografie-auslösenden Tabletten nichts Originelles; der Witz der pfiffigen Versuchsanordnung verpuffte in einfallslosen Bewegungen, Bach und Vivaldi liefen lediglich nebenher. Manche Solos begannen aufregend, endeten aber ein wenig zu persönlich, zu pathetisch oder blauäugig - so zum Beispiel „Layers“ des Ungarn Laszlo Attila Kocsis, wo die großartige Milou Nuyens (sie gewann den zweiten Preis als Interpretin) sich durch feine Stilunterschiede langsam von der aggressiven Boxerin zu einer Vertreterin des fließenden, weiblich-expressiven Tanzes wandelte, nur um am Ende dem Gesang das krönende letzte Wort zu lassen. Oder wie das Gewinner-Solo „Always look at the sea“ des Spaniers Joaquin Sanchez, der zu fetziger Salsa-Musik eine offensive Bewegungsästhetik der Hände mit aufregenden Hüftschwenks verband und dann „I am alive“ schrie, als hätte er sich dessen durch den wilden Tanz rückversichern müssen - um danach imaginäre Schmetterlinge in die Luft zu werfen und in eine fast spiritistische Predigt des Lebendigseins überzugehen: Er hatte definitiv etwas zu sagen, nur ein bisschen viel.

Großes Bewegungsvokabular

Die zarte, elegante und ausdrucksvolle Taiwanesin Meng-Ke Wu gewann den ersten Preis als Interpretin für das Solo „SHE“ ihres Kollegen Antonin Comestaz (beide arbeiten am Münchner Gärtnerplatz­theater). Der Franzose, der den dritten Preis für Choreografie mit nach Hause nehmen konnte, ließ als einziger an diesem Abend aufmerken: Sein Solo vereinte ein riesiges, oft überraschendes Vokabular an Bewegungen des gesamten Körpers, subtile Unterschiede in Tempo, Dynamik und Raumausnutzung, zur spannenden Einheit zusammengeschweißt durch eine ansonsten leider nicht mehr zeitgemäße Musikalität. Hier erzählte der tanzende Körper das innere Befinden und nicht die Beschreibung im Programmheft.

 

Artikel vom 17.03.2010 © Eßlinger Zeitung

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