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Panne in Pannonien

Vergnügte Stuttgarter Bruderreisen ohne Wiederkehr mit dem fahrenden Theater Lokstoff

  Butterfahrt nach Absurdistan: Wilhelm Schneck und Kathrin Hildebrand in der neuen Lokstoff-Produktion.Foto: Lokstoff
 

Butterfahrt nach Absurdistan: Wilhelm Schneck und Kathrin Hildebrand in der neuen Lokstoff-Produktion. Foto: Lokstoff

 

Von Fred Keicher

Stuttgart - „Letzte Pinkelpause vor Budapest. Noch 35 Kilometer“: Der Lokstoff-Bus setzt sich am Stuttgarter Schlossplatz in Bewegung. Am Freitag hatte das Stück „Bruderreisen. Ein Traum“ Premiere. Die Fremdenführerin stellt die Einheit von Ort und Handlung her. Das Schloss von Sissi hier, die Thermalbäder und beste Tokajer-Lagen dort. Nach Osten geht die Reise, durch den Wagenburgtunnel, der befahrbare Teil der neuen Gaspipeline von Gerhard und seinem Freund Putin, „dem waschechten Demokraten“, an den Kanonenkugeln vorbei, die an die kriegerische Vergangenheit der pannonischen Tief­ebene erinnern. So weit, so lustig. Bis der Bus ruckelt und röchelt. Motorschaden mitten in Stuttgarts Osten. Mit knapper Not erreicht man eine nächtliche Werkstatt und den dort improvisierten Spielort mit dem harten Charme des öffentlichen Dienstes, die Kantine des SSB-Busdepots Gaisburg. Launig und ausführlich erläutert Busfahrer Horst die Ursachen der Malaise: Ausfall der Nockenwellenbeleuchtung.

Gestrandet am fiktiven Donaustrand werden die Zuschauer zu Schnäppchen jagenden Mitspielern, die sich in den Händen der öligen Animateure sehr gut amüsieren. Da wird vertröstet mit Gewinnspielen um sagenhafte Summen. Der versprochene Begrüßungsgulasch rückt derweil immer weiter in die Ferne, ebenso der Zielort Odessa. In Laune gehalten werden die Reisenden auf großer Butterfahrt mit Kanonsingen: „Mach plus im Bus/ im Blick dein Glück/ der Preis ist heiß/ kehrt nie zurück“. Begeistert machen alle mit beim Sprachkurs in der Kunstsprache Uni, die radikale Einfachheit verspricht. „Bitte“ drückt man durch heftiges Hecheln aus, „Ja“ sagt man mit einem hündischen Wau. Ist es da noch verwunderlich, dass Neinsagen in dieser Sprache nicht vorgesehen ist? Willkommen in Absurdistan.

Die Animateure Moni und Siggi spielen Kathrin Hildebrand und Willi Schneck in grell-bunten Kostümen (von Maria Martinez Pena) wie aufgezogene Papageien. Die Masken sind ihnen zur eigentlichen Natur geworden. Ihr Spiel ist schnell und schrill wie das von Trickbetrügern. Sie stehlen die Aufmerksamkeit. Das Leben ist wie diese Busfahrt: Leider hat man vergessen, die Rückreise zu buchen.

Das Stück von Susanne Hinkelbein - es ist das zweite, das sie für das Theater Lokstoff geschrieben und inszeniert hat - feuert die Gags wie ein Trommelfeuer ins Publikum. Die emanzipatorisch gedachte Botschaft, dass die Freiheit der Warenwelt die Versklavung des Menschen ist, geht dabei unter: Auf dem sagenhaften orientalischen Markt in „Odessa“ werden die Reisenden als Sklaven verkauft. Dieser aufklärerisch gedachte Schock ist freilich kaum mehr als eine Irritation.

In Gaisburg wird der durch die Warenwelt entfremdete, durch den Warenfetisch beherrschte Mensch schließlich durch einen Polizeieinsatz befreit. Die Ordnung ist wieder hergestellt. Im Fernsehen können die Zuschauer verfolgen, wie die eigentlich Verrückten, Siggi und Moni, in Zwangsjacken abgeführt werden. Dann spricht die Polizei: „Aufwachen. Die Türen gehen jetzt auf. Sie können gehen.“ Der Busfahrer Horst Koschmieder bringt die kaum geläuterten, aber sehr vergnügten Zuschauer mit dem 1974er-Oldtimer-Gelenkbus „Gottlob Cleverle“ wieder zurück zum Stuttgarter Schlossplatz.

Die nächsten Vorstellungen: 9. und 10. April. Karten unter www.lokstoff.com

 

Artikel vom 16.03.2010 © Eßlinger Zeitung

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