Raserei mit Ruhepunkt
Manfred Honeck und Henning Kraggerud mit dem Staatsorchester
Stuttgart - Vielleicht liegt es ja an den strengen Verkehrsvorschriften in den USA. Denn während deutsche Bleifüße ihre Potenzrammen ungestraft mit 300 durch die Autobahnwirklichkeit donnern lassen, bleibt den Amis nur das Kino, um ausgiebig dem Faible für Autohetzjagden zu frönen. Tempo wird zum Kunst-Mythos, und der kalifornische Postminimalist John Adams hat ihm 1986 mit seiner Vier-Minuten-Orchesterraserei „Short Ride in a Fast Machine“ ein Monument errichtet: Es klingt wie der Soundtrack zu einem filmischen Highspeed-Exzess, und der elefantöse Riesenklangkörper verwandelt sich in einen schnittigen Flitzer, der am Ende gar noch Marching-Band-Fanfaren über die Fahrbahn hupt. Wenn man das Werk spielt, muss man einen heißen Reifen fahren. Manfred Honeck und das Stuttgarter Staatsorchester leisteten dem Folge, haben die Chromspoiler - metrisch versetzte Blechakzente - glänzend poliert und sind doch nicht einfach nur mit Vollgas durch den Beethovensaal gebrettert. Bei aller Rasanz ließ Honeck hineinhören ins Getriebe der metrischen Vexierspiele, und dank solcher Transparenz legte der „Short Ride“ auch den Weg zum ersten Großmeister der amerikanischen Musik zurück: zu Charles Ives und seine Radikalpolyphonie.
Und weil am Ende des Programms mit Strawinskys „Sacre du Printemps“ jenes Werk stand, das die Musik in Partikel zersprengte und in rabiater Motorik neu entstehen ließ, schloss sich der Tempo-Bogen schlüssig zurück in die futuristischen Aufbrüche. Dazwischen setzte das d-Moll-Violinkonzert von Sibelius einen Ruhe- und Kontrapunkt. Doch weder der grandiose Solist Henning Kraggerud noch Honeck und sein Staatsorchester versenkten das Werk des Finnen in polarumnachteter Schwerblütigkeit. Der Dirigent gab den Orchestertutti symphonisches Eigengewicht, färbte die tönenden Dunkelkammern in gebührender Finsternis, lichtete die flimmernden Klangflächen, schärfte den Trommelrhythmus im Finale. Und Kraggerud glänzte mit stupender Virtuosität ebenso wie mit dem wundersam feinen, dabei sonor-intensiven Ton seiner Guarneri del Gesù. In nüchternem Kalkül dosierte er das Schmalz der bisweilen stehgeigerhaften Pathetik, und gerade solch distanziert inszeniertes Sentiment fügte sich zu glaubwürdiger Emphase: expressiv, aber nicht kitschig.
In Strawinskys „Sacre“ ließ Honeck bereits mit dem fast zu schön geblasenen einleitenden Fagottsolo Ulrich Hermanns seine interpretatorische Leitlinie erkennen: Bei aller messerscharfen Konturierung des Rhythmischen lauschte man den Echos einer späten Romantik in dieser exzesshaften Musik nach. Das führte anfangs zu Spannungsverlusten, steigerte sich dann zu einem wahrhaft elektrisierenden „Tanz der Erde“ und im finalen Opfertanz zur Entfesselung maschinenhafter Gewalt. Honeck hat gewissermaßen die Modernität des Werks erst aus dessen Verlauf heraus entwickelt.


