Geologie der Zeit
Die Künstlerin Katinka Bock in der „Frischzelle“-Reihe des Stuttgarter Kunstmuseums
Stuttgart - Raum erschließt sich durch Bewegung. Aber auch durch Erforschen. So wird nicht allein Architektur selbst, sondern auch deren Geschichte offenkundig. Mit der Ausstellungsreihe „Frischzelle“ lädt das Kunstmuseum Stuttgart regelmäßig junge Künstlerinnen und Künstler ein, sich mit dem Museumsraum und dessen Geschichte auseinanderzusetzen. Im Kontext der Sammlung entstehen so inspirierende Blickwinkel, die auch gedankliche Stolperfallen sein können, wenn beispielsweise Baustellen-Elemente einen scheinbaren Umbau suggerieren.
Vernetzte Spurensuche
Für die zwölfte Frischzellen-Kur engagierte Kuratorin Isabel Skokan die 33-jährige Katinka Bock, die an der Kunsthochschule Berlin-Weissensee Bildhauerei studiert hat. Die gebürtige Frankfurterin versteht es, abstrakte Gegebenheiten in formschöne Objekte zu übertragen. Diese spiegeln außerdem eine Art professioneller Spurensuche wider. Die zehn für die „Frischzelle“ geschaffenen Arbeiten vernetzen sich zu einer Installation.
Bevor über der stillgelegten Tunnelröhre der gläserne Kubus des Kunstmuseums errichtet wurde, brauste dort der Verkehr. Bock holte ihn über die Arbeit „Before Detroit“ noch einmal zurück: Mit ihrem Auto überfuhr sie eine Keramik-Rolle, die Profilabdrücke der Reifen entsprechen Relikten vergangener Geschichte. Nach den Autos ergriffen die Skater und Sprayer vom Kleinen Schlossplatz Besitz und hinterließen ihre Graffiti. Eines ist noch erhalten. Ein Digitaldruck davon hängt mit dem Titel „Zuwendung“ als Wandtapete im Ausstellungsraum - mit der Rückseite nach vorne. So wird die Erinnerung nur als Andeutung sichtbar, wie ein Fundstück aus der vielschichtigen Geologie der Zeit.
Gespiegelte Architektur
Auf die Museumsarchitektur selbst nehmen die Arbeiten „Raumkoordinaten“ sowie „Haltung“ Bezug: Ein in drei Teile geschnittener Brocken aus Basaltstein stammt aus demselben Steinbruch wie der Boden des Museumsfoyers. Die 8,80 Meter lange Teleskopstange vermisst die vertikale Ausdehnung des Gebäudes an genau diesem einen Punkt. Den Wandel der Zeit thematisiert „Geschwister“: Aus einem mit Regenwasser gefüllten Filzhut rinnt Feuchtigkeit auf eine Platte ungebrannten Tons; einer zweiten Platte entzieht ein Stapel Papier die Feuchtigkeit, und sie reißt.
Bock lässt ihren Skulpturen ein Eigenleben. Sie verändern sich während der Ausstellungsdauer. Doch davon Zeuge zu werden ist so schwer möglich, wie dem Gras beim Wachsen zuzuschauen.
Bis 6. Juni. Öffnungszeiten: dienstags, donnerstags, samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs und freitags von 10 bis 21 Uhr. Das Katalogheft kostet fünf Euro.



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