STéPHANE DENèVE, NEUER CHEFDIRIGENT DES RADIO-SINFONIEORCHESTERS STUTTGART
Der Pluralist der Stile
Der 39-jährige Franzose hält nichts von ästhetischem Dogmatismus - „Ich möchte Stuttgart meine Kenntnis von Musik verschiedenster Art anbieten“
Stuttgart - Zurzeit probt er Mahlers sechste Symphonie mit „seinem“ Royal Scottish National Orchestra, das er seit fünf Jahren als Musikdirektor leitet. Künftig schwingt Stéphane Denève den Taktstock vor dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart (RSO). 2011 tritt der 39-jährige Franzose die Nachfolge von Roger Norrington als Chefdirigent des RSO an. Martin Mezger sprach mit Stéphane Denève.
Sie haben erst ein Konzertprogramm mit dem RSO geleitet, und schon sind Sie designierter Chefdirigent. Wie kommt‘s?
Denève: Die Chemie hat einfach gestimmt, und das fühlt man unter Musikern sofort.
Und die Musik - hat die auch gestimmt?
Denève: Ja. Ich bin im vergangenen Oktober kurzfristig eingesprungen für Michel Plasson. Obwohl ich damals überlastet war, habe ich mich dem Angebot nicht entziehen können. Das Programm mit Fauré, Saint-Saëns, Debussy und Roussel war allzu verlockend, und dem RSO eilt ein famoser Ruf voraus, der sich dann bestätigt hat: Ich fand das Orchester einfach äußerst gut. Es verfügt über eine große Palette an Klangfarben, und die Musiker reagierten sehr offen und flexibel auf mich als Dirigent, der sehr genau an Details und stilistischen Feinheiten arbeitet.
War das Programm mit lauter französischen Komponisten für Sie eine Art Heimspiel?
Denève: Als Franzose bin ich natürlich von meiner Kultur geprägt, etwa von dem Sinn für Klangfarben. Aber ich sehe mich nicht als Spezialisten für französische Musik. Ich habe sehr viel unterschiedliche Musik gemacht und ich denke, das ist jedem Orchester und Dirigenten förderlich. In Stuttgart werde ich dasselbe tun wie jetzt in Schottland: bei der Programmplanung zunächst an das Orchester denken und nicht an mich, also Werke spielen, von denen ich denke, dass sie wichtig sind für das Orchester.
Können Sie das präzisieren, Komponistennamen nennen?
Denève: Darüber werde ich mit Ihnen gern zu einem späteren Zeitpunkt reden.
Sie sind beim RSO Nachfolger Roger Norringtons, der mit seinem „Stuttgart Sound“ sozusagen einen historischen Kompromiss zwischen authentischer Aufführungspraxis und modernem Symphonieorchester angestrebt hat. Werden Sie in seine Fußstapfen treten?
Denève: Das werde ich jetzt ständig gefragt. Ich bin ja aufgewachsen mit diesem Stil, denn ich stamme aus Flandern, wenn auch dem französischen Teil, und Flandern ist eine Hochburg der historischen Aufführungspraxis. In meiner Jugend habe ich all die Originalklang-Größen von Philippe Herreweghe bis Frans Brüggen gehört. Davon bin ich geprägt, und ich finde es angemessen, die Musik bis zur späten klassischen Epoche, also bis Beethoven und Schubert, in diesem Stil aufzuführen. Aber es gibt für mich kein Schwarz-Weiß, kein Dogma in der einen oder anderen Richtung. Und jeder Dirigent hat seinen eigenen Ansatz, seine eigene Methodik und seinen eigenen Interpretationsstil.
Wie stehen Sie zur zeitgenössischen Musik?
Denève: Ich liebe die Musik meiner Zeit und meine damit wirklich die Gegenwart, also nicht nur die klassische Moderne. Es gibt in unserer Zeit so viel interessante Musik in den unterschiedlichsten Stilen, die alle auf ihre Weise legitim sind. Ich möchte Stuttgart meine Kenntnis von Musik verschiedenster Art anbieten. Ich kann auch da noch keine Komponistennamen auflisten, aber entscheiden ist für mich, dass Musik differenziert Gefühle ausdrückt und anspricht.
Also kein anti-expressiver Strukturalismus in der Pierre-Boulez-Nachfolge?
Denève: Die Debatten um die serielle Musik, die Boulez und andere angestoßen haben und auf die Sie anspielen, sind doch längst historisch. Das hatte in den 1950er-Jahren seine Zeit. Ich bin aber ein Mensch der Gegenwart und glaube, dass unsere postmoderne Zeit ihre eigene Poesie hat. Der Musik der Gegenwart wird man nicht mit ästhetischen Dogmen und Polemiken gerecht.
Was erwarten Sie sich von der Struktur eines deutschen Rundfunk-Orchesters?
Denève: Das ist in der Tat eine ganz andere Struktur als etwa bei britischen Orchestern, und ich erwarte mir davon eine Freiheit in der Programmplanung, die zugleich eine Herausforderung ist. Außerdem finde ich es phantastisch, dass jedes Konzert mitgeschnitten wird. Diese Dokumentation der Klangresultate ist natürlich ebenfalls eine aufregende Herausforderung.



