Stimmungen des Aufbruchs
Die Ausstellung „Brücke Bauhaus Blauer Reiter“ in der Stuttgarter Staatsgalerie präsentiert die Sammlung Max Fischer
Stuttgart - Oftmals gilt das grafische Medium noch als Stiefgeschwister der Malerei in Öl: Wer das glaubt, wird in der Stuttgarter Staatsgalerie augenblicklich eines Besseren belehrt. Die Ausstellung „Brücke Bauhaus Blauer Reiter. Schätze aus der Sammlung Max Fischer“ präsentiert beide Gattungen im Wechsel nebeneinander. Solch direkte Vergleiche hat man als Museumsbesucher selten. Die gleichberechtigte Hängung aber ermöglicht viele lohnende Entdeckungen. Zwar resultiert daraus, dass die Beleuchtung in allen Räumen heruntergedimmt und der Lichtempfindlichkeit der Arbeiten auf Papier angepasst wird. Doch die Leuchtkraft der Werke, die Farben und Formen als künstlerische Ausdrucksmedien feiern, macht das wieder wett.
Das Staraufgebot ist beachtlich: Von Edvard Munch (1865 bis 1944) bis Max Beckmann (1884 bis 1950) sind zahlreiche Größen der klassischen Moderne vertreten. Aber dem Stuttgarter Privatsammler - Fischer wurde 1886 in Tübingen geboren und starb 1975 in Stuttgart - ging es weniger darum, möglichst viele bekannte Namen zu versammeln. Sondern er hatte neben dem Herzen eines Kunstliebhabers das Auge eines Kunstkenners. Er kaufte und ersteigerte Stücke von musealer Qualität, wie Kuratorin Ina Conzen betont. Dabei pflegte der studierte Chemiker Vorlieben und baute Schwerpunkte aus. So bilden die über 100 Werke von Ernst Ludwig Kirchner (1880 bis 1938) aus allen Schaffensphasen fast schon eine Retrospektive des expressionistischen Malers.
Ausgeprägte Individualstile
Auch wenn die ausgeprägten Individualstile auf den ersten Blick nicht den Eindruck eines gemeinsamen Nenners erwecken, so steckt doch in den Exponaten viel Aufbruch. Pioniergeist warf Traditionen über den Haufen. Pferde konnten jetzt blau sein - so galoppiert auf Kandinskys „Verkündigung“ von 1911 programmatisch ein blauer Reiter über das Blatt. Er gab der Künstlergruppe um Kandinsky und Franz Marc ihren Namen. Beim Holzschnitt durfte das Material selber zum Bild werden, wie Munch in seiner Arbeit „Zum Walde I“ von 1897 meisterhaft zeigt: Ein Paar in symbiotischer Umarmung wird von der Maserung des längs geschnittenen Holzes überlagert, es ist wie in Auflösung begriffen und scheint sich der greifbaren Wirklichkeit zu entziehen.
Munchs emotional geprägtem Oeuvre ist der Eingangsraum gewidmet. Der Norweger verstand es wie vielleicht kein anderer Maler, die Abgründigkeit menschlicher Beziehungen darzustellen, insbesondere zwischen Mann und Frau. Selbstverlust und Einsamkeit wie in dem Farbholzschnitt „Abend. Melancholie I“ sind dabei die Kehrseite der herbeigesehnten und zugleich als bedrohlich empfundenen Verschmelzung. Diese entlarvende Direktheit schließt Munchs eigene Erfahrung ein und fungiert dennoch wie ein Gradmesser moderner Gemütszustände.
Auch die Maler der 1905 in Dresden gegründeten Künstlervereinigung „Die Brücke“ versuchten, Kunst und Leben in eine Einheit zu überführen. Freiheit und Spontaneität waren ihre Ziele, die in Aktdarstellungen in der Natur künstlerische Entsprechung fanden. Die Blätter atmen Unmittelbarkeit, so beispielsweise Kirchners Pastell „Zwei Mädchen auf dem Sofa“: Mit jugendlichem Ungestüm bäumen sich die Farben geradezu gegen ihre Umrisslinien auf. Auch Erich Heckels „Modelle“, eine Farblithografie von 1909, hält scheinbar skizzenhaft einen Moment im Atelier, die Begegnung zweier Aktmodelle, fest.
Fischers Sammlung und die der Staatsgalerie ergänzen sich vorbildlich. Das zeigen punktuelle Gegenüberstellungen: zum Beispiel Kirchners zwei Versionen der „Segelboote bei Grünau“. Fischer und der damalige Direktor der Staatsgalerie haben beide Stücke 1949 auf der gleichen Auktion im Stuttgarter Kunstkabinett gekauft. Auf das Bietduell folgte Einigung. Der Unternehmer überließ dem Museumsmann das Ölgemälde und sicherte sich die Farblithografie. Kirchners Grafiken sind - wie die der anderen Expressionisten - Handabzüge. Auch bei mehreren Abzügen desselben Druckstocks wird so im Grunde jedes Blatt zu einem Unikat.
Begeisterung für das Gebirge
Dem Spätwerk Kirchners galt Fischers besondere Aufmerksamkeit. Der Geschäftsmann war ein passionierter Bergsteiger und teilte so mit dem Maler die Begeisterung für das Gebirge. Die Landschaft um Davos und das ländliche Leben waren für den kriegstraumatisierten Kirchner vorübergehende Heilung - bevor er angesichts der nationalsozialistischen Verfolgung in Deutschland den Freitod wählte. Zwar verstand sich der Maler nicht als der Bergbauern-Welt zugehörig, wie er sie beispielsweise in dem Gemälde „Mäher. Die Brüder Müller“ in geschwungenen Farben darstellte. Kirchner selbst porträtierte sich 1924 elegant im Anzug mit Krawatte. Doch deren Verbundenheit mit der Natur hat ihn berührt: In der Arvenholz-Skulptur „Bauer mit Kuh“ hat ihr der Künstler ein liebevolles und großartiges Denkmal gesetzt.
Wenn sich Emil Nolde auch für anderthalb Jahre der „Brücke“ anschloss, war er doch stets ein Einzelgänger. Er perfektionierte die Holzschnitt-Kunst, der er - fasziniert vom Ausdruckstanz seiner Zeit - in den „Kerzentänzerinnen“ von 1917 eine Art geerdete Leichtigkeit verlieh. Das „Herbstmeer XV“ steht für Noldes Farbenglühen, dem er einen Großteil seiner Bekanntheit verdankt. Die Grenze zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion wird hier zu einem schmalen Grat. Nicht nur mit dem Pinsel, sondern auch mit Handballen und Leinenlappen trägt der Maler pastos die Farbe auf die Leinwand auf und verleiht ihr ein grandioses Eigenleben.
Nolde teilt den Raum mit Max Beckmann, ebenso ein Einzelgänger. Auf bedrohliche Lebensumstände wie das zunächst äußere, dann auch innere Exil antwortete er mit Ausdauer. Die Gegenständlichkeit seiner Bilder täuscht auf den ersten Blick über deren chiffrenhafte Symbolkraft hinweg - so zum Beispiel in einem von drei Ölgemälden der Sammlung, der 1944 in Amsterdam entstandenen „Akademie I“.
Die Arbeiten des „Blauen Reiters“ bezaubern mit der ihnen typischen poetischen Kraft. So verbindet beispielsweise die aquarellierte Tuschezeichnung „Scherzo (Spielende Füchse)“ von Franz Marc Musik und Bildende Kunst zu einem synästhetischen Gefüge. Wie Akkorde huschen die Füchse durch eine an Notenlinien und -schlüssel erinnernde abstrakte Landschaft.
Erneuerung der Welt durch Kunst
Im Bauhaus wurde die Aufbruchstimmung gewissermaßen institutionalisiert. Die Idee des Gründungsdirektors Walter Gropius beinhaltete nicht weniger als die Erneuerung der Welt durch eine neue Kunst. Die Studenten der 14 Jahre bestehenden Schule für Gestaltung genossen eine solide Ausbildung bei Meistern wie den in der Ausstellung vertretenen Lyonel Feiniger, Oskar Schlemmer, Paul Klee. Statt um spontan-expressive Farbexperimente ging es nun um konstruktiv durchdachte. Schlemmers „Szene am Geländer“ zeigt eine Art Körper-Architektur: statuarische Figurinen im Raum, die einer strengen, rechtwinkligen Choreographie folgen. Seine „Landschaft Stuttgart I“ von 1912 mit kubistisch facettiertem Blick über Häusergrau auf den grünen Hasenberg zählt zu Fischers frühen Erwerbungen aus den 1920er- Jahren, als der Chemiker als Gesellschafter in die Ditzinger Firma Hornung & Co. eintrat, die sich später zu den Vereinigten Wachswarenfabriken KG Ditzingen entwickelte und unter anderem Fußbodenbeizen und Haushaltskerzen produzierte.
Im Sammlerhaushalt der 50er-Jahre genoss Schlemmers Landschaft, wie Fotos zeigen, die Nachbarschaft einer gotischen Madonna. Ein derartiges Ensemble über Epochengrenzen hinweg war typisch für den Privatsammler, der sich offenbar gerne mit seinen Objekten umgab anstatt sie im Tresor einzuschließen. Kunst erschloss ihm, dessen Alltag von kaufmännischem Rationalismus geprägt war, „die andere Seite“ seines Ich: „die Suche nach Erkenntnis des Wahren“, nach Ausdruckskraft und Gefühlsintensität.
Bis 20. Juni. Öffnungszeiten: dienstags und donnerstags von 10 bis 20 Uhr, mittwochs und freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. Der Katalog (Edition Braus) kostet 29,80 Euro.



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