Die Elfenbeingestalt und die Barbarei
Wie eine jüdische Künstlerin von den Nazis vertrieben wurde: Das Schicksal der Stuttgarter Balletttänzerin Suse Rosen
Vor 100 Jahren wurde in Dresden Susanne Rosenthal geboren, die 1927 als Balletttänzerin unter dem Künstlernamen Suse Rosen am Stuttgarter Theater eine hoffnungsvolle Laufbahn begann. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde sie 1933 von den Nazis verjagt, konnte aber der direkten Verfolgung entkommen und den Holocaust außerhalb Deutschlands überleben. Für die 23-jährige Künstlerin bedeutete die Emigration aber zugleich das Ende ihrer beruflichen Zukunft und kulturellen Verwurzelung. Keiner der Nachbarstaaten gewährte der Geflüchteten zunächst dauerhaften Schutz, und nur eine 1936 in der Schweiz geschlossene Scheinehe verhinderte ihre Auslieferung. Hier schlug sie sich vorwiegend mit Hilfsarbeiten durch und wanderte schließlich 1955 zu Verwandten in die USA aus. Nach einem mehrjährigen Prozess erhielt sie 1963 im Rahmen der Gesetze zur Wiedergutmachung zwar eine finanzielle Entschädigung, aber die schreckliche Vergangenheit hatte ihre psychischen und physischen Spuren hinterlassen: Suse Rosen, die um 1930 von einem Journalisten noch als „gelenkige und hübsche kleine Tänzerin mit eigenartigem Reiz“ bewundert worden war, verstarb bereits 1968. Ihr Schicksal lässt sich anhand der Personalakten aus ihrer Stuttgarter Theaterzeit sowie der Unterlagen des Wiedergutmachungsverfahrens, die sich alle im Staatsarchiv Ludwigsburg befinden, recht genau rekonstruieren. Hinzu kommen noch die persönlichen Erinnerungen von Suse Rosens Tochter, die mit dem Autor dieses Beitrags bereitwillig über jene Zeiten sprach, obwohl dadurch alte Wunden wieder aufgerissen wurden.
Trügerische Sicherheit
Am 9. März 1910 teilte der jüdische Kaufmann Fritz Rosenthal dem Dresdner Standesamt mit, dass seine Frau Margarete Luise, geborene Juda, zwei Tage zuvor eine Tochter zur Welt gebracht und diese die Namen Edith Susanne erhalten habe. Obwohl es im Wilhelminischen Reich einen ausgeprägten, wenngleich nicht lebensbedrohlichen Antisemitismus gab, konnten deutsche Juden - sofern sie sich assimiliert hatten - einer verhältnismäßig gesicherten Zukunft entgegen sehen. Generell glaubte man vor 1914 an die unerschütterliche Staatsordnung und eine ziemlich verlässliche Lebensplanung, wie Stefan Zweig in seinem wehmütigen Rückblick „Die Welt von gestern“ berichtet. Mit dem Ende des Kaiserreiches ging zwar diese trügerische Sicherheit verloren, doch dafür entstand 1918 ein demokratisches Deutschland mit einer bisher ungekannten gesellschaftlichen und kulturellen Vielfalt, zu der jüdische Bürger zunehmend beitrugen. Weil man inzwischen die persönliche Leistung höher als die Rassen- und Religionszugehörigkeit bewertete, durften auch die Rosenthals davon ausgehen, dass Susannes Begabung und nicht die „mosaische“ Herkunft für ihre Zukunft ausschlaggebend war. Wahrscheinlich entschied sie sich gegen Kriegsende für die tänzerische Laufbahn und nahm spätestens um 1925 Unterricht bei der damaligen ersten Solotänzerin an der Deutschen Oper in Berlin, Lina Gerzer (1897 - 1989).
Diese Verbindung erwies sich bald als äußerst vorteilhaft, weil Gerzer ab Herbst 1927 Ballettmeisterin in Stuttgart wurde und ihrer offenbar sehr geschätzten Berliner Schülerin eine Anstellung bei den Württembergischen Landestheatern vermittelte. Suse Rosen war noch minderjährig und erhielt anfangs eine Jahresgage von 1750 Mark, was nur 90 Prozent des Üblichen einer Chortänzerin entsprach. Der Jahresvertrag verlängerte sich stillschweigend immer wieder, so lange keine der beiden Seiten kündigte. Für solistische oder mehrmalige Auftritte an einem Tag standen ihr eine Sondervergütung von einer Mark und 50 Pfennige, für auswärtige Gastspiele ein Eisenbahnticket der dritten Klasse und der kostenfreie Transport von Gepäck bis 25 Kilo zu.
Das Ballett hatte in dieser Zeit vor allem Tanzeinlagen zu fast allen Opern oder Operetten beizusteuern. Abendfüllende Handlungsballette wie etwa Peter Tschaikowskys „Schwanensee“ kannte man in Stuttgart damals noch nicht. Stattdessen spielte man kleinere eigenständige Stücke (darunter die beliebten Werke von Josef Bayer wie „Die Puppenfee“ oder „Himmel und Erde“), die meist in einer Doppelaufführung mit einer Kurzoper (zum Beispiel Leoncavallos „Bajazzo“) gekoppelt wurden. Komplette Tanzabende bestanden aus mehreren kurzen und unabhängigen Choreografien. Die Spartengrenzen waren durchlässiger als heute, und so erwartete man von den Tänzern auch fachfremde Auftritte etwa in Schauspielen, was wegen der damit verbundenen Sondervergütung aber gern angenommen wurde.
Suse Rosen begann in der Balletthierarchie ganz unten und ging deshalb zunächst in der Anonymität des Tanzchores unter. Anlässlich der Stuttgarter Premiere des Balletts „Coppélia“ von Léo Delibes erscheint ihr Name am 23. Dezember 1927 zum ersten Mal auf einem Theaterzettel, wo man im Unterschied zu heute nur einen Teil der Mitwirkenden nannte. Noch länger dauerte es, bis die Presse von ihr Kenntnis nahm: Erstmals, aber noch recht phrasenhaft, ist von Rosen am 4. November 1928 in der Süddeutschen Zeitung die Rede, wonach sie in einer Tanzpantomime „mit Lust bei der Sache“ gewesen sei. Nach der Uraufführung von Hugo Herrmanns Kammeroper „Gazellenhorn“ am 20. März 1929 wird ihr dann aber bescheinigt, die erotische Rolle der 13-jährigen Fürstentochter Santa äußerst überzeugend verkörpert, sich dabei „lockend (und wie!)“ dem umworbenen Knaben genähert und vor ihm getanzt zu haben, „bis ihm schier die Sinne vergehen“. Nun berichten die Zeitungen immer öfter über das noch jugendlich wirkende Ensemblemitglied und heben etwa im Spätherbst 1929 die Bauchtanznummer in Friedrich von Flotows „Fatme“ hervor, in deren „Mittelpunkt die traumzarte, leichte Elfenbeingestalt der Suse Rosen stand“. Mit dem Erfolg wuchs die künstlerische Belastung, und so kam der Wunsch nach besserer Bezahlung auf. Zwar bezog Rosen seit der Spielzeit 1928/29 das Gehalt zu 100 Prozent, befand sich aber als Chortänzerin immer noch in der untersten Lohngruppe des künstlerischen Personals. Am 20. Dezember 1928 schrieb sie - wahrscheinlich nach Absprache mit der ihr wohlgesonnenen Ballettmeisterin - der Intendanz, dass sie ihren Vertrag nicht mehr verlängern wolle, falls man sie nicht künftig „in die Gehaltsstufe von 2300,- Mark“ aufnehme. Lina Gerzer notierte auf der Rückseite des Briefes, dass Rosen „eine außerordentlich talentierte und tüchtige Tänzerin“ sei, „die man unter allen Umständen hier halten sollte“. Jetzt und auch künftig ging die Verwaltung auf entsprechende Gesuche Rosens ein, vermied es aber stets, die Anträge in vollem Umfang zu erfüllen.
Antisemitische Hassparolen
Wie in ganz Deutschland, so bemühte sich die aufstrebende NSDAP auch in Stuttgart um öffentliche Aufmerksamkeit und organisierte nicht nur Demonstrationen, sondern gründete im Dezember 1930 mit dem „NS-Kurier“ ihr eigenes Kampfblatt. Die antisemitischen Hassparolen richteten sich zwar vorwiegend gegen jüdische Händler und Akademiker, doch blieb auch der kulturelle Bereich nicht verschont. Nachdem Suse Rosen bisher ein vorwiegend positives Presseecho erhalten hatte und bei weniger günstigen Rezensionen rassistische Motive keine Rolle gespielt haben dürften, änderte sich nun der Ton. Nachdem die Operette „Das Lied der Liebe“, für die Erich Wolfgang Korngold Musik von Johann Strauß (Sohn) arrangiert hatte, am 4. November 1932 in Stuttgarter erstmals über die Bühne gegangen war, ereiferte sich der „NS-Kurier“ nicht nur über die „jüdische Schlafzimmerpoesie“ des Textes, sondern griff die Darstellerin des Hotelstubenmädchens Tini gehässig an: „Das üble Spiel und der ordinäre Tanz Suse Rosens erfüllte ganz den Wunsch des Verfassers und der auserwählten Gesellschaft.“
Nach dem 30. Januar 1933 und durch die Reichstagswahlen vom 5. März noch beschleunigt, vollzog sich auch im öffentlichen Leben Stuttgarts erschreckend rasch eine „Machtergreifung“, die sich nicht zuletzt in der Theaterarbeit widerspiegelte. Am 21. März nahmen Reichspräsident Paul von Hindenburg und Reichskanzler Adolf Hitler in der Potsdamer Garnisonskirche an einem gemeinsamen Gottesdienst teil, der die Vereinigung des „alten“ (kaiserlichen) mit dem „neuen“ (nationalsozialistischen) Deutschland symbolisieren sollte. Im Stuttgarter Großen Haus gab es abends „aus Anlass des Potsdamer Festtages der Nation“ eine Sonderaufführung von Gerhart Hauptmanns Bauernkriegstragödie „Florian Geyer“. Am 27. März wurde der bisherige Generalintendant Albert Kehm durch den Parteigenossen Otto Krauß ersetzt, und am 20. April fand als „Höhepunkt“ des neuen braunen Feiertagskalenders eine „Festvorstellung zum Geburtstag von Adolf Hitler“ mit Beethovens „Fidelio“ statt. Bis zur Sommerpause nützten verschiedene Parteiorganisationen vom „Kampfbund für deutsche Kultur“ bis zur „Hitlerjugend“ das Theater als exklusiven Aufführungsort, aber vielleicht ist die Ausführung der Bühnenmusik zu Carl Zellers „Vogelhändler“ am 28. April durch die „SA-Kapelle der Standarte 119“ gerade wegen des harmlosen Anlasses besonders bezeichnend.
Mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 wurden erstmals antisemitische Bestimmungen für Recht erklärt. Jetzt konnte man neben den politisch missliebigen auch alle öffentlich Beschäftigten „nicht arischer Abstammung“ sogar dann entlassen, wenn „die nach geltendem Recht hierfür erforderlichen Voraussetzungen nicht vorliegen“, wie es allem Gerechtigkeitssinn hohnsprechend hieß. Kurz darauf wurden an alle Theatermitarbeiter Fragebogen verteilt, in denen sie sich auch zu ihrer rassischen Herkunft äußern mussten. Es folgte am 15. Mai eine unscheinbare Postkarte, mit der Suse Rosen zum 30. Juni gekündigt wurde. Weil sie danach keine Einkünfte mehr bezog, hat die Künstlerin Stuttgart sicher noch im Sommer verlassen. Im Winter 1933/34 trat sie in den Beneluxstaaten als Tänzerin „in Cabarets und Nachtlokalen“ auf, wie sie später im Zusammenhang mit einem Wiedergutmachungsverfahren berichtete; doch die Verträge seien nie „länger als 14 Tage“ abgeschlossen worden, „da sich überall Arbeitsschwierigkeiten für deutsche Nichtarier ergaben.“ Danach versuchte sie es in der Schweiz, musste aber wegen zunehmender Erkrankung das Tanzen aufgeben und betätigte sich notgedrungen als Haushaltshilfe.
Scheinehe in der Schweiz
Um die Schweizer Staatsbürgerschaft zu erhalten, ging sie 1936 eine Scheinehe ein, die 1943 wie vereinbart geschieden werden sollte. Doch jetzt „bedrohte mich mein Mann, die Wahrheit über den Charakter unserer Ehe auszusagen“, falls sie deren Vollzug weiterhin ablehnte. „Derartige Namensehen wurden seinerzeit in der Schweiz streng geahndet“, und nur einer geschickten Prozessführung sei es zu verdanken, „dass meine Ehe nicht aberkannt, sondern rechtskräftig geschieden wurde“. Eine außerdem bereits 1939 abgeschlossene Ausbildung zur „Barmaid“ erwies sich als völlig verfehlt, weil durch die Kriegsereignisse in den meisten Schweizer Hotels nur noch ein Notbetrieb aufrecht erhalten wurde. Die Nachricht von der Vergasung ihrer Mutter und Schwester in Bergen-Belsen versetzte ihr 1943 den schrecklichsten Schlag (der Vater war bereits 1926 verstorben).
Am 2. November 1955 stellte Rosen einen Antrag auf Wiedergutmachung, deren Höhe sich nach dem eingetretenen Einkommensverlust berechnete. Weil die Tänzerin in kein konventionelles Bewertungsschema passte, war eine Klärung schwierig; schließlich legte man das Ende der Lebensarbeitszeit einer Tänzerin auf 43 Jahre fest. Zur Feststellung einer Anspruchsberechtigung wurde der Auszug ihres Strafregisters eingeholt und eine amtsärztliche Untersuchung angeordnet. Im Fall ihrer Arbeitsfähigkeit hätte sie sich bis zum regulären Rentenalter im zuletzt ausgeübten Beruf (also Haushälterin) betätigen müssen. Das Verfahren schleppte sich deshalb bis Mai 1963 hin und endete mit einer Kapitalentschädigung von 26 753 Mark, zu denen noch 3000 Mark als Hilfe für Rückwanderer kamen. Doch in Deutschland wollte Rosen nicht bleiben. Sie zog nach Locarno und leitete dort in der wenigen ihr noch verbleibenden Zeit eine kleine Herberge.
Am 14. Februar 1968 ist Susanne Rosenthal gestorben, „eine ungewöhnlich begabte und deshalb auch sehr geschätzte Tänzerin“, wie ihr einstmaliger Chef Albert Kehm urteilte. Ihrer soll hiermit gedacht werden.



