Scheppernder Rock‘n‘Roll
Die New Yorker Garagenband The ETTES im Club Schocken
Stuttgart - Coco, Poni, Jem und Johnny. Allein die Vornamen der Bandmitglieder von The ETTES lassen eine sympathische, unbeschwerte Rasselbande vermuten, die mit launigem Trash’n’Roll zu unterhalten weiß. Und wirklich: Nett sind sie schon, die Vier aus New York City, die im Stuttgarter Club Schocken ihr Stelldichein gaben. Die Band scheint Spaß zu haben, die Musiker scherzen miteinander, sind gut gelaunt, und die Bitte des Bassisten Jem, der Techniker möge sein Instrument lauter auf den Monitor legen, wird von seinen Mitstreitern mit „Boring“ quittiert. Langweilig oder besser zu etabliert, zu klischeehaft erscheint diese Forderung angesichts der Lockerheit des Zusammentreffens. Das Quartett wirkt wie eine fröhliche Meute auf Studienfahrt. Oder besser: Als hätte eine Band zum Auftritt im Proberaum geladen. Da braucht es keine Lichtspielerei oder technischen Firlefanz. Und offenbar ist es auch egal, wie die Abmischung klingt. Denn es ist eben dieser dröhnende, mächtig verzerrte Bass, der die Stücke überlastet und an die Grenze der Unhörbarkeit treibt. Melodien sind in dieser Fuzzbox-Orgie nur selten auszumachen, der instrumentelle Beitrag der Gitarristen ist nur zu erahnen.
Tiefton-Grollen und Fistelstimmchen
Auch Sängerin Coco geht in diesem Tiefton-Grollen unter, kann mit ihrem Minnie-Mouse-Fistelstimmchen nur wenig entgegensetzen. Dennoch bleibt sie gut gelaunt. Sie unterhält sich prächtig zwischen den Stücken. Mit ihren Kollegen wohlgemerkt. Zuweilen ufert der Smalltalk aus, sodass aus dem Publikum Rufe laut werden, doch endlich weiter zu spielen. Lediglich Drummerin Poni macht, was von ihr erwartet wird. Sie treibt den pumpenden Beat voran und drischt die Felle mit einer Passion, als wäre es ihr persönliches Fitness Work-Out. Sie ist es auch, die Attributen wie „mitreißend“ oder „energiegeladen“, welche den New Yorkern vorauseilen, gerecht wird. Der Rest der Band kann da nicht mithalten. Selbst der minimalistische Charme von grobkantigen Perlen wie „Take It With You“ oder „Get Mine“ geht im übersteuerten Bass-Beben völlig verloren, das Mitwippen wird zur reinen Goodwill-Aktion.
Keine Offenbarung
Dabei wäre der Gesamteindruck vielleicht zu retten gewesen, wenn sich The ETTES ein wenig am Auftritt ihrer Vorband „The Nelsons“ aus Tübingen orientiert hätten, die mit Witz und Chuzpe selbst eine völlig verstimmte Gitarre neutralisierten. Doch Coco, Poni, Jem und Johnny bleiben lieber unter sich, verschludern auch das eingängige „Crown Of Age“, das unter normalen Umständen selbst dem miesepetrigsten Zeitgenossen ein verzücktes Lächeln ins Gesicht zaubert. Nur bei „Walk Out That Door“, das an die Prepunk-Heroen MC 5 erinnert, lassen sie etwas von dem durchblitzen, was zu erwarten gewesen wäre, hätten sie sich mit dem Soundcheck ein wenig mehr Mühe gegeben. Was nach nur 45 Minuten bleibt, ist der dumpfe Druck im Ohr. Nicht immer ist scheppernder Rock’n’Roll eine Offenbarung.



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