Was die Kunst mit uns tut

Galerie der Stadt Wendlingen zeigt unter dem Titel „Wir werden sehen“ Installationen und Objekte

 

Im Frankfurter Städelmuseum hat Ulrike Bohlender die Besucher in den Fokus gestellt. Die Alten Meister sind nur Kulisse.Foto: Bohlender
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Im Frankfurter Städelmuseum hat Ulrike Bohlender die Besucher in den Fokus gestellt. Die Alten Meister sind nur Kulisse.Foto: Bohlender

 

Von Elke Eberle

Wendlingen - „Zu za su zo chuza zuzo“ - so könnte es sich anhören, wenn sich jemand am Kopf kratzt. Auch dies einer der Aspekte von Wahrnehmung im Allgemeinen und Hören im Besonderen, wie sie Mirja Wellmann untersucht. Zusammen mit Carine Dörflinger und Ulrike Bohlender zeigt sie aktuelle Arbeiten in der Galerie der Stadt Wendlingen. „Wir werden sehen“ ist die Ausstellung betitelt. Verspricht das neue oder lediglich vage Aus- und Einsichten? Die unterschiedlichen Denkwelten der drei Künstlerinnen entfalten sich spannungsreich, und der Betrachter wird mitten hinein katapultiert in ein verwirrendes Geflecht aus Krähengekrächze, grünsamtenen Fußballerherzen und hehren Ansichten zur Kunstvermittlung. Bequem ist das nicht, aber bereichernd.

 

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Betrachtungen von Betrachtern

Das Frankfurter Städelmuseum ist einer der Schauplätze von Ulrike Bohlenders Betrachtungen von Betrachtern. Die Malerei von Altmeistern im Hintergrund ist in den Fotografien nur die Folie. Bohlender interessiert sich vielmehr für die Ak­tionen und Reaktionen der Besucher, diese stellt sie denn auch mittels eines nadelgestreiften Strahls in den Mittelpunkt ihrer Bilder. So wird der Betrachter im Bild selbst zum Betrachteten, ist Spiegelbild und Projektionsfläche des realen Betrachters. Bohlender, 1965 geboren, studierte an der Kunsthochschule in Kassel, lebt und arbeitet in Frankfurt. Mit den dick und kräftig aufgetragenen Wandfarben kopiert sie die Methoden gängiger Ausstellungspraktiken in großen Museen. Den Kunstwerken zugeordnet sind dort Zitate der Künstler, die das Wesen ihrer Arbeit beleuchten sollen. Bohlender zitiert, ironisch oder nicht, dagegen Kuratoren. Etwa ­Ruth Noack, die fragt: „Was tut Kunst mit uns?“

Mirja Wellmann, 1965 in Berlin geboren, studierte an der Kunstakademie in Stuttgart und lebt in St. Johann. Seit Jahren besteht der Schwerpunkt ihrer Arbeit darin, Hörprozesse zu untersuchen und bewusst zu machen. Der Rezipient bleibt teilweise unbeteiligt und ausgeschlossen, teils wird er zum Akteur gemacht und aufgefordert, Hörprotokolle zu schreiben oder sich in einer „Hörstation“ - einer komplett abgeschlossenen, aber neonfarben durchsichtigen Box - den akustischen Veränderungen hinzugeben, sie und sich zu beobachten. In neongelbes Plexiglas eingravierte Figuren untersuchen ihren „Eigenklang“, daneben krächzen gläserne Krähen in kakophonischem Akkord. Wellmann zeigt Wahrnehmungshierarchien und Strategien der Erkundung von Unbekanntem, und sie bietet Zonen der Stille als Oasen natürlicher Regeneration.

Skurrile Parallelwelten

Carine Doerflinger entwirft skurrile Parallelwelten. Mal sind sie heiter poetisch, dann wieder frappierend, und manchmal beides zugleich. Eingerichtet wie ein normales Zimmer ist etwa ein Kabinett im Obergeschoss, versammelt sind dort „Kleine Geschichten aus dem Alltag“. Eine Puppe hat anstelle von Augen Taschentücher, einem Bär quellen Gedärme aus dem offenen Bauch, und Medikamente stehen in Hülle und Fülle griffbereit in einer Bonbondose neben einer Kuschelecke mit auf Kissen applizierten Fotos von Kindern. Im Treppenhaus hat Doerflinger Schneeflockenbilder aus weißen Pillen für ein „vie en rose“, ein Leben in Rosa, ausgelegt. Eine Gabel schwebt über einem Berg aus roten Spaghettifäden, Drähte bohren sich durch Wände, und das Herz eines Fußballers trägt einen Kunstrasenbezug. Carine ­Doerflinger, 1960 in Straßbourg geboren, lebt in Karlsruhe. Ihr Blick auf Gewohntes und Gewohnheiten ist nur um Nuancen verrückt und dabei messerscharf entlarvend.

Allen drei Künstlerinnen gelingt es, in ihren Arbeiten das hinter Lärm und Oberflächlichkeit Verborgene zu zeigen. Und von allen dreien wird man sicher noch so manches sehen - und hören.

Bis 11. April. Geöffnet mittwochs bis samstags 15 bis 18 Uhr, sonn- und feier­tags 11 bis 18 Uhr. Karfreitag und Ostersonntag geschlossen.

Artikel vom 05.03.2010 © Eßlinger Zeitung

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