Ein Weltgeist in Esslingen
Vor 100 Jahren wurde Kurt Leonhard geboren - Veranstaltungsreihe würdigt den Kunstwissenschaftler und Schriftsteller
Wer oder was ist der Weltgeist? Hegel wähnte ihn auf dem Rücken eines Pferdes, als er den siegreichen Napoleon in Jena einreiten sah. Philosophenkollege Schopenhauer hatte für solche Geisterschauen, für den devotionalen Bückling vor dem welthistorischen Individuum, nur Spott übrig. Und doch: Zumindest manche denkerischen Individuen scheinen vom Hauch eines Weltgeists mehr zu verspüren als die Masse der Mit- oder Gar-nicht-Denker. Kurt Leonhard, der vor 100 Jahren geborene Esslinger Kunstwissenschaftler, Lyriker und Übersetzer, war kein Napoleon des Geistes. Er saß weder auf dem überheblich hohen Gedankenross noch auf einem ordentlichen Lehrstuhl, sondern gab - unter anderem - Volkshochschulkurse. Schopenhauer, der Denker des Nichts, stand ihm näher als der philosophische Spekulant Hegel. Émile Cioran, den Aphoristiker eines zum Lebensgefühl konkretisierten Schopenhauerianismus, den stilistisch herausragenden Protokollanten existenzieller Vergeblichkeit nach dem großen Krieg des 20. Jahrhunderts, hat Leonhard aus dem Französischen übersetzt; zu einem Zeitpunkt, wohl gemerkt, als nur wenige, etwa Paul Celan, von dem seit 1937 in einer Mansarde des Quartier Latin hausenden französischen Radikal-Pessimisten rumänischer Herkunft Notiz genommen hatten. Es sollte, viel später, eine Zeit kommen, als Cioran auch in Deutschland als Kultautor eines skeptisch gewordenen Intellektualismus gefeiert wurde.
Den richtigen Riecher gehabt
Exemplarisch sei daher hervorgehoben: Kurt Leonhard hatte, wie so oft, den richtigen Riecher gehabt. In diesem Sinne ist dem Denker Leonhard denn doch nichts anderes zu bescheinigen als: Weltgeist. Und ein ausgeprägtes Gespür für des Weltgeists kleinen, wandelbaren Bruder, den Zeitgeist. Und à propos Hegel: Dialektische Zuspitzung war Leonhard nicht nur nicht fremd, sondern das Movens seiner Denkungsart; eine Zuspitzung freilich in die Negation statt in die Synthese der großen, spekulativen Gedankengebäude. Nicht als Indoktrination, eher als aufklärerische Infiltration wäre sein publizistisches Wirken zu beschreiben: als Durchdringung des aufzuklärenden Bewusstseins mit dem Geist einer kritisch und dialektisch verstandenen Moderne. Das Medium solcher Methode ist naturgemäß nicht das Magnum Opus, und ihr Organ ist nicht die Stimme des selbstbezogenen Propheten: Leonhard schrieb kaum über sich, fast immer über andere. Und er schuf keine monumentalen Wälzer, sondern entzündete seinen Geist am gegebenen Objekt - bevorzugt jenem der Kunst - oder am einzelnen, in seiner Individualität betrachteten Künstler. Monographien, Aufsätze, Kommentare, veröffentlicht in Katalogen, Zeitungsartikeln oder auch in Buchform, waren die ihm gemäßen Formen. Der sokratische Dialog oder gar das konzise, ein Bild oder einen Gedankenblitz auf den Punkt bringende Gedicht zeugen von den hervorstechenden Strukturmerkmalen seiner Denkweise.
Ihr entspricht auch eine bemerkenswerte Verwurzelung des eigenen Seins: Der Kopf-Mensch Leonhard brauchte in eigener Person die Bodenständigkeit, so wie ihm in logischer Funktion der nur gedankenakrobatische Kopfstand fremd war. Damit mag es sich erklären, dass der - namentlich in den deutschen Nachkriegsjahren - zentrale Vermittler der künstlerischen Moderne nicht in deren Zentren wirkte. Weder gierte Leonhard karrierestrategisch nach Prestigepositionen, noch strebte er geographisch in die Metropolen. Der gebürtige Berliner - er kam am 5. Februar 1910 in der damaligen Reichshauptstadt zur Welt - blieb bis zu seinem Tod am 10. Oktober 2005 dort, wohin es ihn nach dem Krieg verschlagen hatte. Er blieb: ein Weltgeist in Esslingen. Tiefere seins(psycho)logische Spekulationen in eigener bio- und geographischer Sache lehnte er ab. Es sei „reiner Zufall“, schrieb er, dass er sesshaft wurde in einer „typischen Vorortlandschaft“, in der „Industriegebiete, Autobahnen, alte Dörfer, neue Siedlungen zwischen Ackerland, Wald und Wiesen sich zu einem immerhin weitläufigen Konglomerat verbinden“. Aber er fügte hinzu: „Sollte eine solche Randexistenz in einer Zone, wo die Gegensätze aufeinander stoßen oder sich durchdringen, nicht vielleicht doch eine charakteristische Lebensform sein?“ Sie war es in seinem Fall auf jeden Fall. Im Hinteren Holzweg - so lautete denn doch fast schicksalhaft eine seiner Esslinger Adressen - hat er die Holzwege der Hinterwäldler gelichtet. Anders gesagt: Auf dem Terrain des Zeitgeists schlug er Breschen der Klärung und Offenheit ins Dickicht aus Muff und Ressentiment. Bemerkenswert daran ist, dass Leonhard keinen statischen Begriff des Fortschrittlichen in eherne Worte gießt, sondern dessen Zeitlichkeit reflektiert: Das Moderne kann den Anschein des Überholten annehmen und doch von dringlichster Modernität sein.
In diesem Sinne beginnt das Vorwort von Leonhards Buch „Die heilige Fläche“ mit dem Satz: „In jener unermeßlich fernen Zeit vor dem ersten Weltkriege schien so vieles fragwürdig zu werden.“ Mit einer Distanzangabe also leitet das 1947 veröffentlichte Schlüsselwerk der kulturellen Stunde Null den Versuch ein, wiederanzuknüpfen an die gewaltsam ins Vorvergangene verbannte, als „entartet“ tabuisierte Moderne. Aus heutiger Sicht drängt sich das auf die Aufbrüche der Moderne gemünzte Stichwort von der „unermeßlich fernen Zeit“ für jene Nachkriegsära selbst auf, in welcher Leonhard seine Zeit-Messung vornahm. Wurde die abstrakte Nachkriegskunst längst zum Gegenstand der Kunsthistorie, muten die Kulturkämpfe, die um und gegen sie entbrannten, zunächst völlig obsolet an. Der Abstraktion wurde eine Zersetzungspotenz bis hin zur seelischen Perversion zugeschrieben, das Wort von der „Entartung“ durfte sich zwar nicht mehr beim Namen nennen, spukte aber nach wie vor durch die ungelüfteten Gehirnwindungen.
Man muss sich solch aufgerüstete Entrüstung, deren Spuren - ausdrücklich sei es bemerkt - noch in heute virulenten Vorurteilen nachweisbar sind, drastisch vor Augen führen, um Leonhards Wirken angemessen würdigen zu können. Mit „Die heilige Fläche“ schrieb er ein erkenntnishelles Pamphlet für die Moderne, das sich freilich nicht als solches zu erkennen gab. Sein Plädoyer kommt nicht im Stil doktrinärer Verkündigung daher, sondern befleißigt sich der Form des Dialogs. Im geduldigen Für und Wider von Skepsis und Einsicht, im fiktiven Gespräch eines Kunstkritikers, eines Künstlers und mehrerer Rezipienten überzeugt der Band von der Triftigkeit der befreiten Kunst.
Mut zur Freiheit bewies Leonhard aber auch in einem heute selbstverständlich erscheinenden, damals für viele unbequemen Detail: Ausdrücklich datiert er die deutsche Katastrophe auf 1933 statt auf 1945. Ohne eindimensional zu politisieren gewahrte er damit die politische Dimension der modernen Kunst: den Widerspruch zur Hitler-Barbarei. Doch noch eine andere signifikante Dimension scheint im Titel des Werks auf: Das Heilige war Leonhard, dem erklärten Agnostiker, eine zutiefst vertraute Kategorie. Als Autor eines maßstäblichen Buchs über Dantes „Göttliche Komödie“ war ihm der Gedanke einer Transzendierung der menschlichen Existenz nahe, einer Transzendierung freilich, die sich nicht mehr in religiöser Heilsgewissheit, sondern allenfalls noch in künstlerischen Grenzüberschreitungen eine Form gibt.
Solche Offenheit für das Transzendente, das ganz Andere blitzt nicht zuletzt in der Lyrik Leonhards auf, einem eigenständigen Oeuvre, das der Autor wie geheime Notate lange Zeit im Verborgenen hielt (eine Auswahl gab Friedhelm Röttger 1997 unter dem Titel „Leuchtfische“ im Bechtle Verlag heraus). Als „Nachdichter“ und „Sekundärliterat“ pflegte sich Leonhard in einer Mischung aus Bescheidenheit und der ihm eigenen Ironie zu apostrophieren - dem eigenen Werk nicht gerecht werdend und doch einen zentralen Aspekt seines Wirkens unterstreichend: Als Vermittler, namentlich in der Position des Lektors beim Esslinger Bechtle Verlag, prägte er in den 50er-Jahren das hoch ambitionierte Programm des Hauses und hörte das Gras literarischer Innovation wachsen. Die damals noch unbekannten Namen, die er bei Bechtle zur Ehre der Buchaltäre erhob, lesen sich heute fast wie eine Enzyklopädie der deutschen Literatur jener Zeit: Helmut Heißenbüttel, Peter Härtling, Heinz Piontek und Johannes Poethen sind nur einige von ihnen. Und einem jungen Mann namens Günter Grass gab Leonhard immerhin eine wichtige Empfehlung mit auf den Weg.
Nicht minder bedeutsam ist sein Engagement für jene moderne französische Literatur, die im Deutschland nach der Katastrophe unbekannt oder vergessen war: Dass nicht nur Cioran, sondern auch Autoren wie Paul Valéry, Henri Michaux oder Michel Leiris diesseits des Rheins wieder oder überhaupt erst als intellektuelle Größen wahrgenommen wurden, ist zuvorderst Leonhards Übersetzungen und „Bekanntmachungen“ zu verdanken.
„Stuhlverstopfung des Geistes“
Auch als großer Vorausschauender war Leonhard nie der Dogmatiker einer eindimensionalen Fortschrittlichkeit. Dem Esslinger Maler Otto Luick, einem schwäbischen Nach-Impressionisten von eigentümlicher koloristischer Begabung, bescheinigte er etwa, „volkstümlich sein zu können, ohne vulgär zu werden“. Er förderte den gegenständlichen Miniaturisten Friedland ebenso wie die großen Abstrakten. Und er blieb in seismographischem Kontakt mit den geistigen Nachbeben der Vergangenheit. Vielleicht war die Denkfigur des Paradoxons - auch der Paradoxie zeitlichen Fortschreitens - die geheime Triebfeder dieses Meisters der Worte und Widerworte, der stets anschrieb gegen das, was er als „Stuhlverstopfung des Geistes“ pointierte. Mit einer an Adorno gemahnenden dialektischen Schärfe postulierte der Kunsttheoretiker Leonhard denn auch: „Die Kunst wird immer auf der Seite des Menschen stehen, wenn sie auch zuweilen nicht davor zurückschrecken darf, den Anschein der Unmenschlichkeit auf sich zu nehmen.“
Anlässlich des 100. Geburtstags von Kurt Leonhard findet in Esslingen eine Veranstaltungsreihe statt. Im Mittelpunkt steht ein prominent besetzter Vortragsabend am 5. Februar, 18.30 Uhr, im Alten Rathaus. Beat Wyss, Joachim Ringleben, Barbara Vinken und Hanns Zischler sprechen über Leonhard als Lyriker und Übersetzer und deuten sein Kunstverständnis als negative Theologie. Bereits am 3. Februar, 20 Uhr, begibt sich die Lyrik-Bühne im Kabarett der Galgenstricke mit Leonhard-Texten auf eine „Poesiereise“. Am 7. Februar, 11 Uhr, wird in der Villa Merkel eine Ausstellung zu Ehren Leonhards eröffnet (zu sehen bis 7. März). Am 9. Februar stellt Peter Härtling unter dem Motto „Lyrik braucht Entdecker“ den Autor Norbert Hummelt vor. Beginn ist um 20 Uhr in der Villa Merkel. Während des ganzen Februars schließlich ist Otto Luicks Porträt von Kurt Leonhard „Objekt des Monats“ im Esslinger Stadtmuseum.



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