Berauschtes Lauschen
Akademie für gesprochenes Wort mit Lyrik von Pastior und anderen
Stuttgart - Als Oskar Pastior 2006 überraschend verstarb, hatten seine sprachartistischen Gedichte längst Kultstatus erlangt. Zurzeit taucht der Name des 1927 im rumänischen Hermannstadt geborenen deutschen Dichters besonders oft in den Feuilletons auf, weil er bis zu seinem Tod am neuesten Roman der frischgekürten Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller mitgewirkt hatte. In „Atemschaukel“ spiegelt sich das Schicksal Pastiors als Opfer des Stalinismus. 17-jährig war er in ein sowjetisches Zwangsarbeitslager verschleppt worden.
Pastiors sprachspielerische Gedichte sind keine Leselyrik. Ihr Sinn oder Unsinn erfüllt sich erst im Vortrag: Befreit von korsettierender Grammatik und Semantik und im Fluss von Wortmalereien, Silben- und Lautvertauschungen verliert sich mehr und mehr der Bedeutungsgehalt der Worte, werden Buchstaben zu reinem Klang. Das ist Lyrik wie geschaffen für das Sprecherensemble der Akademie für gesprochenes Wort, das sich im Stuttgarter Kunstmuseum dem Werk Pastiors näherte. Professionell artikuliert, rhythmisiert und vorsichtig inszeniert verwandelten sich Pastiors Verse in Sprachmusik. Etwa im Gedicht „Wer kommt denn da so morgenschön?“, in dem sich die Worte so lange um sich selbst drehen, bis nur noch ein kurzes „Mörg“ übrigbleibt. In der auf kleinste Gesten reduzierten und konzentrierten Inszenierung von Uta Kutter und Martina Volkmann dienten als einzige szenische Hilfsmittel ein paar Cajons: kistenartige Perkussionsinstrumente, auf denen die Gedichte zuweilen fröhlich trommelnd untermalt wurden.
Im spannend aufgebauten Programm tauchten auch Pastiors poetische Brüder und Schwestern im Geiste auf, etwa Ernst Jandl, Gertrude Stein oder Franz Mon. Vielleicht der Höhepunkt des Abends: Raymond Queneaus virtuos variierendes Poem über einen langhalsigen Mann, der in der Pariser U-Bahn verhaltensauffällig wird. Hier konnte das siebenköpfige Ensemble seine Bühnenpräsenz und vor allem seine Kunstfertigkeit in fein nuancierendem Sprechen am raffiniertesten zur Geltung bringen. Schön auch die unterschiedlichsten Übersetzungen eines Gedichts von Velimir Chlebnikov, die zeigten, wie schwierig es ist, experimentelle Lyrik in eine andere Sprache zu übertragen: Aus „Wem bloß erzählchen“ in Paul Celans Eindeutschung wurde bei Jandl „wem-klein wem-klein erzählich-klein“ und bei Pastior „wie die kleine ach wie qualtig“. Im Laufe des Abends verabschiedete sich das Ohr von der Sinnsuche in den Worten. Wie berauscht lauschte man ihrem Klang hinterher.
Es wäre ein enormer Verlust, wenn es Veranstaltungen dieser Art künftig nicht mehr gäbe. Die Existenz der Akademie für gesprochenes Wort - eine jener Institutionen, die für unverwechselbare Farben im Stuttgarter Kulturleben sorgen - ist von den Sparplänen der Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann akut bedroht.



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