Gänsehaut und Nervenkitzel
ESSLINGEN: Hochspannung hoch drei: Marina Heib, Elisabeth Herrmann und Christian von Ditfurth beim langen Krimiabend
Die mit unzähligen Messerstichen übel zugerichtete Leiche einer jungen Frau, eine alte Dame, die auf einen Obdachlosen schießt, und ein in den 50er-Jahren verschwundener Vater. Mord in Göttingen, Nachwendeverbrechen in Görlitz und ein Sprengstoffattentat in Karlsruhe. Ein Polizeichef mit Alkoholproblem, ein Anwalt mit Zukunftsängsten und ein Historiker mit Sorgen und Nöten. „Hochspannung hoch drei“ hatte der Buchladen Provinzbuch für seinen zweiten langen Krimiabend versprochen, und Marina Heib, Elisabeth Herrmann und Christian von Ditfurth sorgten mit ihren kriminellen Geschichten in der Dieselstraße für Gänsehaut, Thrill und Nervenkitzel. Das „Tödliche Ritual“ kostet in Marina Heibs jüngstem Kriminalroman eine junge Frau im Park das Leben. Markus Lorenz ist mit dem Fall überfordert. Seit dem Tod seiner Frau bringt er immer häufiger seine Nächte saufend in der Kneipe seines Freundes Norbert zu: „Das sorgsam gezüchtete Schweigen im Raum, ein brüderliches Bollwerk gegen die Angst, verrückt zu werden.“ Mit angenehm rauer Stimme liest Marina Heib kleine sprachliche Meisterstücke, wenn sie mit wenigen Sätzen einen aufdringlichen Zeugen charakterisiert, mit rasiermesserscharfen Formulierungen eine profilierungssüchtige Oberbürgermeisterin skizziert oder mit wenigen Worten die ernsthaft sich sorgende Zuwendung von Lorenz’ Kollegin umreißt. Wie Schlaglichter lässt sie verschiedene Facetten des Geschehens aufblitzen, gekonnt wechselt sie die Perspektive und nimmt die Zuhörer mit in das beklemmende Gedankenwirrwarr des Täters.
Schauspielerische Qualitäten
Elisabeth Herrmann, die in Esslingen ihren jüngsten Krimi-Spross „Die letzte Instanz“ vorstellt, hat unverkennbar schauspielerische Qualitäten, die ihrem dialogreichen Text zugute kommen: Sie gibt der alten Dame eine Stimme, sie schenkt dem verbitterten Wende-Geschädigten ihr Ohr und sie findet den richtigen Ton für die verführerische Staatsanwältin. Kabarettreif philosophiert sie über „die Bedeutung des Treppenteppichs für den Weltfrieden“. Ihr Protagonist, Rechtsanwalt Joachim Vernau, bearbeitet, statt gut situiert auf dem Kudamm zu residieren, „Feld-Wald-und-Wiesen-Fälle“ in seiner heruntergekommenen Kanzlei. Als er Margarethe Altenburgs Fall übernimmt und aus ihrer Wohnung ein geheimnisvolles Zigarrenkästchen holen soll, entdeckt er das Verbindungsglied zwischen Margarethes Erlebnissen, der deutschen Geschichte und deutschen Gerichten, an denen Täter freigesprochen wurden.
„Lesung ist bäh“ steht auf dem kleinen Zettel, den Christian von Ditfurth vor sich auf dem Lesepult liegen hat. Nicht weil der Autor nicht gerne aus seinem fünften Stachelmann-Krimi „Labyrinth des Zorns“ läse. Nein, er fühlt sich vor Publikum sogar ausgesprochen wohl. Nicht weil er Lesungen nicht könnte. Nein, der studierte Historiker hat Talent zum Entertainer, ist herrlich selbstironisch und ein brillanter Geschichtenerzähler. Nein, „Lesung ist bäh“, weil er immer nur kurze Passagen lesen kann: „Da muss ich Ihnen zum Beispiel eine sensationelle Liebesgeschichte vorenthalten. Sie werden den Faden und gemeinsam werden wir den Überblick verlieren“, prophezeit er dem Esslinger Publikum. Dank brillanter Überleitungen, knackiger Zusammenfassungen, erläuternder Fußnoten und der Fähigkeit des Autors, auch die komplexesten Sachverhalte verständlich zu formulieren, schafft er es dennoch, Appetit auf den fünften Fall von Josef Maria Stachelmann zu machen. Der soll den nach dem Krieg spurlos aus Wolfsburg verschwunden Vater der gut aussehenden Cecilia Laubinger suchen.
Hochmotiviertes Publikum
So unterschiedlich Marina Heib, Elisabeth Herrmann und Christian von Ditfurth auch sind - alle drei waren bei diesem von der Eßlinger Zeitung präsentierten Krimiabend blendend aufgelegt. Alle drei waren voll des Lobes für das hochmotivierte Publikum, das bei sehr guter Kondition drei Lesungen hintereinander absolvierte und die Autoren zwischendurch in anregende Gespräche verwickelte. Alle drei zogen mit ihren Geschichten die Zuhörer in ihren Bann. Und alle drei entpuppten sich als Meister des tiefgründigen Humors und lakonischer Ironie, was den Abend trotz Mord und Totschlag wunderbar leicht machte.



