Kopf im Westen, Hintern im Osten
Die Uraufführung „Berlin, 1961“ im Jungen Ensemble Stuttgart erinnert an den Mauerbau
Stuttgart - Im November dieses Jahres feiert eines der bedeutendsten Ereignisse der deutschen Geschichte ein rundes Datum: Der Mauerfall jährt sich zum 20. Mal. Die Bilder glücklicher Menschen, Familienangehöriger und Freunde, die sich vor Glück weinend in die Arme fallen, werden an diesen Schlussakt der 28 Jahre währenden Trennung Berlins durch die Mauer erinnern.
Sie rufen aber auch Erinnerungen an die Ungeheuerlichkeit wach, die zur Abschottung von 17 Millionen Deutschen führte. Das Junge Ensemble Stuttgart (JES) hat sich zusammen mit der multinationalen Companie New International Encounter dem dramatischen Teil dieses Kapitels gewidmet und ein Theaterstück für Jugendliche ab 14 Jahren erarbeitet.
„Berlin, 1961“ lautet der schlichte Titel des uraufgeführten Werks. Die Geschichte, die aus der Perspektive der 14-jährigen Hannah Schmidt (Sarah-Ann Kempin) erzählt wird, dürfte exemplarisch für das Schicksal vieler stehen. Ihre Familie kehrt aus dem Urlaub in Ungarn zurück und kann ihr Haus nicht mehr durch den Eingang betreten, durch den sie es verlassen hatte. Er ist zugemauert, genau wie die Fenster der unteren Etagen. Die Fassade nach Westen ist Bestandteil der neu errichteten Mauer geworden. „Der Kopf im Westen, der Hintern im Osten“ lautet die lakonische Beschreibung dieses Zustands, der auch die psychische Zerrissenheit der Bewohner spiegelt.
Verblendete Gesinnung
Die Kräfte, die hier wirken, spalten die Familie. Alle bis auf den Vater, dargestellt von Gerd Ritter, fühlen sich durch die von Soldaten bewachte, mit Stacheldraht gesicherte Grenze bedroht, wollen in den Westen fliehen. Doch das Familienoberhaupt ist nicht nur physisch blind, er bleibt es auch in seiner Gesinnung. Als Sohn Paul (Alexander Redwitz) seiner Freundin Natalie (Aude Henriye) folgt, mittels falschem Pass ausreist und in den Verdacht gerät, sich einer Schleuser-Vereinigung angeschlossen zu haben, zerfällt die Familienharmonie in Stücke. An ihre Stelle treten Streit, Zerwürfnis, Trennung und am Ende Verrat.
„Berlin, 1961“ ist eine Geschichte, die aufgrund ihres hohen Realitätsgehalts anrührt. Die Inszenierung von Kjell Moberg kommt dabei wohltuend ohne pädagogischen Zeigefinger aus, unterhält durch ein interaktives Ensemble und gut dosierte Tempiwechsel. Was den Witz angeht, balanciert er jedoch zuweilen auf einem schmalen Grat zwischen urkomisch und höchst albern. Einige Figuren, zum Beispiel die der Mutter (Elisabet Topp), verlieren durch ihre gnadenlose Überzeichnung an Glaubwürdigkeit. Auch der Dialog zwischen einem deutschen und russischen Grenzpolizisten zum Thema „Schießbefehl“ holt lieber die billigsten Lacher mit dem bemüht komischen „Schießen-Scheißen“-Wortspiel ab, anstatt die Absurdität der Situation anzuprangern. Andererseits bleibt einem das vergnügte Glucksen schon mal im Halse stecken: Ein Trinkgelage, das Tomas Machacek als russischer Soldat mit Hannahs Eltern durchführt, endet im Zusammenbruch des vom schlechten Gewissen gepeinigten Vaters, der seinen Einsatz vor Stalingrad zu rechtfertigen versucht.
Obwohl an manchen Stellen weniger Komik den größeren Effekt erzielt hätte, ist ein temporeiches, aufwühlendes, unterhaltsames Theaterwerk entstanden, Eines, das den Zeitgeist der 60er-Jahre heraufbeschwört und die Hoffnungen, Träume und Emotionen von Menschen spürbar macht, die sich von einem Tag auf den anderen wie Gefangene fühlten. Wer am 9. November mitjubeln will, sollte „Berlin, 1961“ gesehen haben.
Die nächsten Vorstellungen: heute, morgen, 12. und 13. Juni.



Artikel kommentieren