INTERVIEW SCHAUSPIELER ANDREAS LUST

„Ich hatte keine Chance mehr, dieser Rolle zu entkommen“

Bewegender Auftritt als Adrenalin-Junkie zwischen Marathonlauf und Bankraub in Benjamin Heisenbergs Drama „Der Räuber“

 

Andreas Lust gibt dem Bankräuber Rettenberger ein Gesicht.Foto: Zorro-Film
vergrößern

Andreas Lust gibt dem Bankräuber Rettenberger ein Gesicht.Foto: Zorro-Film

 

Berlin - Johann Rettenberger war einer der erfolgreichsten Marathonläufer in Österreich. Was keiner ahnte: Wenn er nicht gerade neue Rekorde lief, raubte er ungeniert Banken aus - nüchtern, präzise und mit derselben Ausdauer, die er auch in seinen Rennen an den Tag legte. Getarnt mit einer Ronald-Reagan-Maske und bewaffnet mit einer Pumpgun gelang es ihm, der Polizei immer und immer wieder zu entkommen. Unerkannt lebte er lange Zeit mit seiner Freundin Erika (Franziska Weisz) in Wien - bis ihm die Polizei auf die Spur kam und mit einem riesigen Aufgebot jagte. Doch auch da machte es „Pumpgun-Ronnie“ seinen Jägern alles andere als leicht. Dieser spektakuläre Fall inspirierte Martin Prinz ' Roman „Der Räuber“, den Benjamin Heisenberg eindrucksvoll verfilmt hat. Der Film zählte zu den herausragenden Beiträgen im Wettbewerb der Berlinale, was nicht zuletzt dem großartigen Hauptdarsteller Andreas Lust zu danken war. Alexander Maier bat den Schauspieler zum Interview.

 

Wir informieren Sie, sobald es zu diesem Thema Neues gibt!

Informieren| Einloggen| Registrieren

Nach der Premierenvorstellung auf der Berlinale meinten viele, „Der Räuber“ sei einer der wenigen Filme gewesen, die sie auch emotional berührt hätten. War das auch für Sie ein ganz besonderes Projekt?

Lust: Das war für mich aus mehreren Gründen eine besondere Geschichte. Zunächst war die Vorbereitung auf diese Rolle sehr aufwendig. Ich wollte ausdrücklich nicht nur ein Schauspieler sein, der einen Marathonläufer spielt, sondern in diese Rolle richtig reinwachsen. Das war auch nötig, weil wir teilweise während realen Marathonläufen gedreht haben. Da liefen Profisportler mit, neben denen ich aussehen musste wie ein wirklicher Marathonläufer. Neu war für mich auch, dass ich mir zum ersten Mal beim Herangehen an die Rolle keine Biographie als intellektuellen Überbau geschaffen habe, sondern mich der Rolle sehr emotional genähert habe, weil ich diesen Mann nur so begreifen konnte. Diesen Drang, sich aufzulösen, musste ich selbst spüren.

Und das geht, ohne die reale Biographie im Hintergrund zu haben?

Lust: Das war für diesen Film nicht wichtig, weil wir weder eine Biographie des Originals noch das Psychogramm einer verpatzten Kindheit zeigen wollten. Es ging immer um eine philosophische Erweiterung, und darum, eine Allgemeingültigkeit zu finden, bei der es in Wirklichkeit um den Betrachter selbst geht. Wenn man aus dem Kino rauskommt und sich fragt, was einen selbst am Laufen hält, was die eigene Motivation ist oder ob man nur irgendein Bild im Kopf hat, dann ist der Film ein Treffer.

Für die Figur des Marathon laufen-den Bankräubers Johann Rettenberger gibt es ein reales Vorbild vom Ende der 80er-Jahre. Kannten Sie die Geschichte?

Lust: Ich weiß tatsächlich noch, dass ich als Kind mitbekommen habe, wie er die Polizei wochenlang an der Nase herumgeführt hat. Im Nachhinein habe ich das Gefühl, dass es damals so eine Art Robin-Hood-Stimmung gab. Viele haben mitgefiebert, obwohl er seine Beute nicht an die Armen weitergegeben hat. Trotzdem erzählen wir keine Biographie des real existierenden Räubers, sondern eine fiktionale Geschichte mit realem Hintergrund.

Rettenberger ist keine Identifikationsfigur, mit der man als Zuschauer warm wird. Konnten Sie nachempfinden, was ihn getrieben hat?

Lust: Was ich sehr gut nachvollziehen kann, ist diese allumfassende Sehnsucht. Diese Energie, die sich bei ihm in Strecke kanalisiert. Ein bisschen von dieser Sehnsucht trage ich auch in mir. Mittlerweile sehe ich Johann Rettenberger nicht so sehr als Charakter oder als Figur, sondern als Symbol für reine Energie.

Sie spielen Ihre Rolle mit einer unglaublichen Intensität - und sie gehen körperlich bis an die Belastungsgrenze. Haben Sie selbst auch eine Nähe zum Marathonlauf?

Lust: Wenn ich Sport machen möch te, gehe ich laufen. Was mich daran fasziniert: Man braucht nichts, man ist einfach man selbst. Bei mir geht es darum, über das Laufen den Körper zu verlieren und einen freien Gedankenfluss zu bekommen.

Bei Johann Rettenberger scheint es noch extremer zu sein: Irgendwann kann er ohne den Kick, den er beim Laufen und bei seinen Banküberfällen bekommt, gar nicht mehr sein.

Lust: Stimmt, er wird mehr und mehr zum Adrenalin-Junkie, der seine Dosis immer weiter steigern muss. Er spürt sich nur in diesen Momen-ten und muss sich immer wieder beweisen, dass er lebt. Für ihn sind das Versuchsanordnungen: Die Strecke mit Bank, die Strecke ohne Bank.

Als Zuschauer hat man das Gefühl, dass das eine Rolle ist, die den Schau spieler emotional sehr mitnimmt. Wie lange haben Sie gebraucht, um den Johann Rettenberger wieder völlig hinter sich zu lassen?

Lust: Während der Dreharbeiten hatte ich keine Chance mehr, dieser Rolle zu entkommen. Ich bin mir manchmal vorgekommen wie dieses verletzte und gehetzte Tier. Das ging soweit, dass ich mich gelegent lich nicht mehr geduscht habe. Wenn man um vier Uhr früh im Spätherbst im dichten Nebel von Kopf bis Fuß durchnässt und völlig fertig im Wald steht, muss man eigentlich gar nichts mehr spielen. Da rinnt der Schweiß, man hat Angst, weil eine Hundestaffel hinter einem her ist und die Hunde nicht wissen, dass das nur ein Film ist. Die wissen nur: Der, der da vorne läuft, ist der Böse. Da muss die Kamera nur noch draufhalten. Nach Ende der Dreharbeiten habe ich diesmal tatsächlich etwas länger gebraucht, um aus der Rolle wieder rauszukommen und alles abzuschütteln. Da ist es gut, wenn man wie ich zuhause sehr geerdet ist.

Artikel vom 04.03.2010 © Eßlinger Zeitung

Artikel drucken | Artikel als Email verschicken

Leser-Kommentare (0)

-› Artikel kommentieren


Märkte

Inhalt wird geladen..
Inhalt wird geladen..

Newsticker

Inhalt wird geladen..
Inhalt wird geladen..

Bildergalerien

Fotoaktion "Urlaubsglück 2010": Urlaubsfotos hochladen und Karten für den Holidaypark gewinnen!
So machen Sie mit....

 

Zur Aktion

 

TOP-Artikel

Inhalt wird geladen..
Inhalt wird geladen..

Umfragen

Inhalt wird geladen..
 

mehr

 
Inhalt wird geladen..
 

mehr

 

Weblog

Esslingen querbeet

 

zum Weblog

 

Kino

Brandaktuelle Filme bei der ez-online Kino-Show

 
 
 
 

Trailershow

 
 zum Seitenanfang