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Ein Kinderbuch wird erwachsen

Tim Burton erweckt den Klassiker „Alice im Wunderland“ zu neuem Leben

  Alice ist erwachsen geworden: Auf ihrer Reise ins Wunderland muss die junge Dame (Mia Wasikowska) die verrücktesten Abenteuer bestehen.Foto: Disney
 

Alice ist erwachsen geworden: Auf ihrer Reise ins Wunderland muss die junge Dame (Mia Wasikowska) die verrücktesten Abenteuer bestehen. Foto: Disney

 

Von Jochen Blind

Esslingen - Der britische Schriftsteller Lewis Carroll hat etwas geschafft, was nur wenigen seiner Zunft vergönnt ist: Er hat mit „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ Geschichten geschrieben, die seit fast 150 Jahren jede Kindergeneration aufs Neue in ihren Bann ziehen. Mit ein Grund dürfte sein, dass die Abenteuer, die ein kleines Mädchen in einer skurril-zauberhaften Phantasiewelt erlebt, immer wieder fürs Kino oder Fernsehen bearbeitet worden sind. Nun kommt „Alice im Wunderland“ als 3D-animiertes Fantasy-Abenteuer in die Kinos - und es ist bei Kult-Regisseur Tim Burton in guten Händen. Denn dieser hat mehr als einmal bewiesen, dass verrückte Geschichten und liebenswert-verschrobene Figuren bei ihm bestens aufgehoben sind.

Alice Kingsley (Mia Wasikowska) fährt mit ihrer Mutter und Schwester zu einer viktorianischen Gartenfeier auf dem Landsitz von Lord und Lady Ascot. Was die 19-Jährige nicht weiß: Die Feier ist ihr zu Ehren, denn Hamish, der langweilige und versnobte Sohn der Gastgeber, möchte ihr einen Heiratsantrag machen. Als der große Augenblick gekommen ist, läuft Alice verwirrt davon - ohne eine Antwort zu geben. Sie folgt einem sonderbaren weißen Kaninchen, das mit einer Weste bekleidet ist und eine Taschenuhr trägt. Im Park fällt Alice in ein tiefes Erdloch, das sie geradewegs in die magische Welt Unterlands bringt.

Hoffen auf die langersehnte Retterin

Als Kind ist sie schon mal hier gewesen, sie erinnert sich jedoch zunächst nicht daran. Es hat sich aber auch viel verändert seitdem: Die grausame Rote Königin (Helena Bonham Carter) regiert mit eiserner Hand. Wer nicht spurt, wird einen Kopf kürzer gemacht. Ihr Günstling Herz-Bube (Crispin Glover) und der Drache Jabberwocky verbreiten Angst und Schrecken. Die jüngere Schwester der Tyrannin, die sanftmütige Weiße Königin (Anne Hathaway), musste sich zurückziehen. Alle Bewohner des Wunderlandes hoffen nun, dass Alice der langersehnte Retter ist, der sie von der Terrorherrschaft befreien kann. Dies legt zumindest eine alte Prophezeiung nahe, welche die stets Wasserpfeife rauchende Raupe Absolem verkündet.

Nach langem Zögern zieht Alice dann auch in die Schlacht, bei der sich die Spielkarten-Armee der Roten Königin und die Schachfiguren-Armee der Weißen Königin gegenüberstehen. Unterstützt wird sie dabei von einigen alten Bekannten wie der Grinsekatze, dem Märzhasen, Diedeldum und Diedeldei, der Haselmaus und dem durchgeknallten Hutmacher (in einer Paraderolle: Johnny Depp). Am Ende siegen die Aufständischen über die Rote Königin - und Alice hat schließlich gelernt, dass man sich nicht so einfach seinem Schicksal hingeben muss. Der Erste, der die Erkenntnis in der Oberwelt zu spüren bekommt, ist ihr Möchtegern-Verlobter Hamish.

„Alice im Wunderland“ ist ein Kino-Höhepunkt dieses Jahres. Tim Burton hat in seinem 108-minütigen Film nicht einfach die Kinderbücher nacherzählt, sondern eine einfallsreiche, den Charme der Vorlage bewahrende Neuinterpretation gewagt. Seine Alice ist kein kleines Mädchen, sondern eine junge Frau. Dadurch spielt neben dem unverändert erkennbaren Kindlichen ein weiterer Aspekt eine große Rolle: der Übergang zum Erwachsenwerden. Neben den beeindruckenden Bildern sind es vor allem die putzigen und charismatischen Figuren, die diesen Film so sehenswert machen. Leider ist das auch der einzige Wermutstropfen: Eine besonders skurrile und beliebte Figur der Romanvorlage fehlt - Humpty Dumpty, das Ei auf der Mauer. Aber vielleicht hat sich Tim Burton den auch einfach für eine Fortsetzung aufgehoben. Zu wünschen wäre es.

Stimmige Neuinterpretation eines Kinderbuchklassikers. Tim Burton, wie man ihn kennt und liebt.

 

Artikel vom 04.03.2010 © Eßlinger Zeitung

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