EZ-WEIHNACHTSSPENDENAKTION
Extraportion Glück
ESSLINGEN: Mammel bei Galgenstricken
Er singt von der Liebe und vom Leben, von den ganz kleinen Wünschen und von den ganz großen Träumen, von Lust und Frust, von der Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer, und er trifft damit bei seinen Zuhörern mitten ins Herz: Drei ausverkaufte Abende lang gastierte der Chansonnier Tommy Mammel mit seiner Band Nachtausgabe zugunsten der EZ-Weihnachtsspendenaktion im Keller der Galgenstricke und sorgte mit poetischen Chansons, poppigen Balladen, packend-rockigen Arrangements und jazzigen Grooves für Gänsehaut.
Erfrischend spielfreudig
Blendend aufgelegt und erfrischend spielfreudig präsentierten Tommy Mammel und die Nachtausgabe ein wunderbares „Best of“ aus mittlerweile vier Alben. „Die Liebe zum Leben“, „In der Ferne daheim“, „Von Zeit zu Zeit“ und „Hauptsache im Himmel“ - die Mammel-Fangemein- de kam auf ihre Kosten und bei „Tief im Südwesten“ und „Wieder auf See“ bekamen auch starke Männer feuchte Augen.
Mit rauer Reibeisen-Stimme erzählt Tommy Mammel seine Geschichten. Charmant plaudernd und frech grinsend kommt er vom Hölzchen aufs Stöckchen. Genüsslich zelebriert er seine Liebe zum Frankophilen. Er spricht sie aus, die heimlichen Sehnsüchte, die die Nicht-mehr-ganz-Jun-gen, die Midlife-Crisis-Geschüt telten, plagen. Sie fragen sich tagtäglich im Alltagstrott von neuem: Soll das alles gewesen sein? Er spricht sie aus, jene Wünsche, die jeder wieder und wieder dem Alltag opfert: Milchkaffee und Croissant auf dem französischen Boulevard statt Graubrot und Früchtetee daheim in der guten Stube, zur blauen Stunde mit einem Drink in der Hand in einer Bar sitzen, einen Blick unter langen Wimpern auffangen und aushalten, den gutaussehenden Beau in ein Gespräch verwickeln, mal wieder etwas Verrücktes tun, einfach abhauen, „mit einem Sack voller Zeit“ sich aufmachen, mal wieder einen Sonnenaufgang am Strand erleben oder einen Spaziergang durch Regen und Wind. Oft sind es die kleinen Fluchten aus dem Alltäglichen, die Tommy Mammel propagiert, „gegen den Strom und wieder zurück“. Meisterlich spielt er mit Klischees - bricht ein Stückchen weg, knickt ein Eselsohr, entzaubert eine Illusion, zwinkert ironisch: „Es ist nicht Paris vor unserer Tür, da fließt der Neckar, nicht die Seine“, heißt es lakonisch in „Das Leben der Bohème“. Er will verführen, verführen zum Leben, das man nehmen muss wie es ist. Wohl dem, der „in beiden Händen eine Extraportion Glück“ hält.
Keiner sitzt im Hintergrund
Genussvoll mischt der Pianist, Sänger und Songwriter, der in Stuttgart lebt und in Esslingen arbeitet, Chanson, Pop, Jazz und Rock. Die vier aus der Nachtausgabe verstehen sich gut, sind sich freundschaftlich verbunden und wunderbar aufeinander eingespielt. Symptomatisch dafür ist ihre Position auf der Bühne: Nebeneinander aufgereiht, da sitzt keiner im Hintergrund. Karin Millers Akkordeon klagt wehmütig und ihre Stimme ergänzt Mammels Gesang aufs Trefflichste. Michael Minges ' Gitarre übernimmt ein ums andere Mal prägend die Melodieführung und Matthias Bergmann beherrscht an Schlagzeug und Perkussion die fordernde Akzentuierung ebenso gekonnt wie den schmeichelnden Rhythmus.



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